"Our task ... is to steer a course between two views, neither of which is acceptable ... The Scylla is the belief that a purely automatic gold standard is both feasible and desirable ... The Charybdis is the belief that the need to adapt to unforeseen circumstances requires the assignment of wide discretionary powers to a group of technicians, gathered together in an 'independent' central bank." Milton Friedman
Der Mythos Gold
Die Nachteile eines Goldstandards
Staatsversagen in der Geldpolitik
Eine regelgesteuerte Zentralbank
Konkurrierende Währungen
Seit alten Zeiten gelten Gold und Silber als die Grundlage eines soliden und stabilen Geldsystems. Ein uneingeschränkter Goldstandard, bei dem die Banknoten zu 100% von Gold gedeckt sind, hatte und hat viele Anhänger, darunter Thomas Jefferson, David Ricardo, die Anarchokapitalisten und Ayn Rand.
Gold scheint viele Vorteile zu haben. Aufgrund der geologischen Gegebenheiten steigt der Vorrat an verfügbarem Gold nur langsam, etwa in der Größenordnung von 1% - 3% pro Jahr. Daraus ergibt sich ein sinnvolles Geldmengenziel, denn um diesen Prozentsatz müßte unter normalen Bedingungen die Geldmenge wachsen. Eine Goldbindung des Geldes, so die Hoffnung ihrer Anhänger, würde den Einfluß des Staates auf die Geldpolitik minimieren und den inflationären Mißbrauch der Notenpresse unmöglich machen. Milton Friedman stellte dazu fest: "A full-fledged gold standard in which all money consisted of gold or warehouse receipts of gold ... would have the merits of complete automaticity and freedom from governmental control."
Die Nachteile eines Goldstandards
"The fundamental defect of a commodity standard, from the point of view of the society as a whole, is that it requires the use of real resources to add to the stock of money." Milton Friedman
Wenn man Gold zu Geld macht, muß man erhebliche Ressourcen der Geldproduktion widmen. Man schätzt, daß ungefähr 4% des jährlichen Bruttoinlandsprodukts für die Gewinnung des monetären Goldes aufgewendet werden müßten. Das ist erheblich mehr, als zum Beispiel das gesamte Militärwesen heute in Anspruch nimmt. Schon Adam Smith hatte davor gewarnt, Land, Kapital und Arbeitskraft zu verschwenden, um etwas herzustellen, das in der Form von Papiergeld nahezu kostenlos zur Verfügung steht. John Maynard Keynes nannte den Goldstandard ein "barbarous relic". Paul Samuelson hat völlig recht, wenn er bemerkt: "How absurd to waste resources digging gold out of the bowels of the earth, only to inter it back again in the vaults of Fort Knox."
Ein Goldstandard garantiert keineswegs stabile Preise. Jeder größere Goldfund würde die Geldmenge erhöhen und hätte daher bei konstanter oder weniger stark steigender Gütermenge eine inflationäre Wirkung. Nicht nur die Güterpreise würden steigen, sondern auch die Löhne und Zinsen. Alle wirtschaftlichen Entscheidungen stünden unter dem Vorbehalt künftiger massiver Änderungen, die ausschließlich durch die Menge des in den Markt eingeführten Goldes bestimmt wären. Die durch die Schwankungen des Goldangebots bedingten drastischen Anpassungen verzerren den Markt und erhöhen die Transaktionskosten. Die damit verbundene Unsicherheit lähmt die Marktakteure. Das Sparen und Investieren würde zurückgehen, weil die Geldanleger nicht wissen können, wie groß die Entwertung ihres nominal angelegten Kapitals in Zukunft sein wird. Die Kapitalbildung wäre unter diesen Umständen geringer als bei Preisstabilität.
Das logische Gegenstück zur obigen Entwicklung würde eintreten, wenn bei einer steigenden Realgütermenge die Goldproduktion gleich bleibt oder weniger stark steigt. Eine Deflation wäre dann die Folge. Die Preise befänden sich in einer Abwärtsspirale, die Nachfrager übten Kaufzurückhaltung und die Anbieter paßten ihre Kapazitäten nach unten an. Der Goldstandard ist ein in sich labiles System.
Eine Goldbindung des Geldes würde uns auch nicht aus der Abhängigkeit von Regierungen befreien. Die wenigen Länder mit bedeutenden Goldvorkommen hätten ein natürliches Oligopol für dieses Metall. Sie könnten jederzeit ihre Macht mißbrauchen, indem sie willkürlich die angebotene Goldmenge drastisch erhöhen oder vermindern. Starke Erschütterungen der Weltwirtschaft wären die Folge. Wer garantiert uns, daß die goldbesitzenden Staaten dieser Versuchung widerstehen könnten? Es ist im Gegenteil sehr wahrscheinlich, daß bei Bestehen eines Goldstandards zur OPEC noch eine OGEC käme.
Gold ist keineswegs der sichere Hafen, von dem die Anhänger des Goldstandards träumen. Der Preis des Goldes unterliegt starken Schwankungen, die sich auch auf jede Währung auswirken müßten, die mit Gold gedeckt ist. Dieses Metall hat nur für seine Bewunderer mythische Eigenschaften, auf dem Rohstoffmarkt ist es eine Ware, wie jede andere auch.
| Jahr | Preis einer Feinunze Gold in Dollar |
|---|---|
| 1980 | 643 |
| 1987 | 451 |
| 1999 | 256 |
| 2006 | 644 |
Milton Friedman ist zuzustimmen, wenn er folgende Schlußfolgerung zieht: "My conclusion is that an automatic commodity standard is neither a feasible nor a desirable solution to the problem of establishing monetary arrangements for a free society. It is not desirable because it would involve a large cost in the form of resources used to produce the monetary commodity. It is not feasible because the mythology and beliefs required to make it effective do not exist."
Staatsversagen in der Geldpolitik
"... at least a third of the price rise during and just after World War I is attributable to the establishment of the Federal Reserve System and would not have occurred if the earlier banking system had been retained ... the severity of each of the major contractions - 1920-21, 1929-33, and 1937-38 - is directly attributable to acts of commission and omission by the Reserve authorities and would not have occurred under earlier monetary and banking arrangements." Milton Friedman
Die von Politikern beherrschten Zentralbanken haben im Verlauf ihrer Geschichte die Volkswirtschaften mehrmals in Krisen gestürzt und dadurch die Bürger verarmt. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, die maßgeblich durch das Versagen der politikabhängigen Notenbanken verursacht wurde. Auslöser der weltweiten Depression waren katastrophale Fehlentscheidungen der US-Zentralbank (Federal Reserve System).
"From the cyclical peak in August 1929 to the cyclical trough in March 1933, the stock of money fell by over a third." Milton Friedman und Anna Schwartz
Eine derartige Verringerung der Geldmenge mußte eine äußerst schädliche Wirkung auf die Wirtschaft haben. Die Folge dieser Geldmengenreduktion war eine starke Deflation. Von 1930 bis 1932 sanken in den USA die Großhandelspreise um 40%, die Industriepreise um 30% und die Preise im Einzelhandel immerhin um 15%. Die Verbraucher hielten sich mit Käufen zurück, weil sie auf sinkende Preise in nächster Zukunft hofften. Für die Unternehmen wurde die Kalkulation immer schwieriger und die Absatzchancen immer geringer. Das führte zu einem allgemeinen Rückgang der Investitionen, was wiederum Massenarbeitslosigkeit auslöste. Die Notenbanken der anderen großen Industriestaaten betrieben Anfang der 1930er Jahre eine ähnliche Politik. Der kleine Wirtschaftsabschwung von Ende 1929 hätte sich niemals zu einer Weltwirtschaftskrise ausgeweitet, wenn die Zentralbanken nicht so schwerwiegende Fehler in ihrer Geldpolitik begangen hätten.
"In 1930 and 1931, it [the Federal Reserve System] exercised this responsibility so ineptly as to convert what otherwise would have been a moderate contraction into a major catastrophe." Milton Friedman
Dies alles geschah bei Geltung des Goldstandards. Sowohl in den USA als auch in Großbritannien waren bis 1932 die ausgegebenen Banknoten durch Gold gedeckt. Dadurch konnte aber keineswegs die enorme Depression verhindert werden. An mangelnden Goldvorräten lag das nicht. In den entscheidenden Jahren 1931 - 1932 stiegen die Goldbestände des Federal Reserve Systems, während gleichzeitig die Geldmenge drastisch gesenkt wurde. Ein Goldstandard ist also kein Schutz vor Wirtschaftskrisen. Es ist sogar zu vermuten, daß der Goldstandard selbst zu einer Verschärfung der Krise beigetragen hat. Um ihre Goldreserven zu schützen, erhöhten die Zentralbanken die Kreditzinsen, wodurch Investitionen und Konsum erschwert wurden.
"Far from being synonymous with stability, the gold standard itself was the principal threat to financial stability and economic prosperity between the wars." Barry Eichengreen
Die Sozialisten behaupten, daß der Kapitalismus unweigerlich zu periodischen Krisen führt. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ist für sie Ausdruck eines "Marktversagens". Tatsächlich hatte nicht der Markt versagt, sondern die Regierung. Die Große Depression wurde durch eine falsche Geldpolitik ausgelöst. Die lange Dauer der Krise erklärt sich aus der Vielzahl von unternehmerfeindlichen Maßnahmen, welche die damaligen Regierungen ergriffen hatten. Die antikapitalistische New-Deal-Politik von US-Präsident Franklin Roosevelt schwächte die Marktkräfte und verhinderte so eine Erholung der Wirtschaft.
"The Great Depression in the United States, far from being a sign of the inherent instability of the private enterprise system, is a testament to how much harm can be done by mistakes on the part of a few men when they wield vast power over the monetary system of a country." Milton Friedman
Eine regelgesteuerte Zentralbank
Statt eines Goldstandards, dessen Nachteile erheblich wären, ist eine rechtlich eigenständige Zentralbank wünschenswert, die nach festen Regeln die Menge des Zeichengeldes bestimmt. Entscheidend dabei ist, daß geldpolitische Entscheidungen nicht mehr von Fall zu Fall von Menschen gefällt werden, sondern daß die Veränderung der Geldmenge nach einer allgemeingültigen Formel automatisch erfolgt. Dadurch könnte die Geldpolitik dem Einfluß der Politik entzogen werden. Es wären keine Menschen mehr an der Spitze der Zentralbank erforderlich, da alle geldpolitischen Entscheidungen von einem Computerprogramm getroffen werden könnten, das die entsprechenden Regeln anwendet. Ein stabilitätsorientierter Algorithmus würde die Geldmenge von der Menge der produzierten Waren und Dienstleistungen abhängig machen.
Dieser Vorschlag ist keineswegs illusionär. Die bestehenden Notenbanken in den führenden Industrieländern haben sich dem Ideal schon weitgehend angenähert. Die relativ große Geldwertstabilität in diesen Ländern während der letzten Jahrzehnte zeigt, daß Papiergeld in der Hand von selbständigen Zentralbanken keineswegs zur einer inflationären Entwicklung führen muß, wie es die Anhänger des Goldstandards immer behaupten.
Friedrich von Hayek hat vorgeschlagen, das staatliche Monopol auf die Geldausgabe zu beseitigen: "Wenn die Abschaffung des Regierungsmonopols zu dem allgemeinen Gebrauch verschiedener, konkurrierender Währungen führte, dann wäre dies schon an sich eine Verbesserung gegenüber einem staatlichen Geldmonopol, das ohne Ausnahme mißbraucht worden ist, um die Bürger zu betrügen und zu täuschen. ... Geld muß primär vor dem Staat geschützt werden ... Es gibt keine Rechtfertigung für den eifrig gehegten Mythos, daß es innerhalb eines gegebenen Territoriums eine einheitliche Art von Geld oder gesetzlichem Zahlungsmittel geben muß." Hayek war davon überzeugt, daß ein System von miteinander in Wettbewerb stehenden Währungen, die von privaten Unternehmen herausgegeben werden, praktisch durchführbar sei: "Das Auftreten mehrerer konkurrierender Arten von Geld würde für die große Mehrheit der Menschen lediglich ein Angebot neuer Alternativen bedeuten; es würde keinerlei Änderung ihrer gewohnheitsmäßigen Geldverwendung erforderlich machen."
In diesem Punkt irrte sich Hayek. Sein Vorschlag ist nicht realisierbar. Mehrere konkurrierende Währungen in einem Wirtschaftsgebiet würden den wirtschaftlichen Tausch stark behindern, den Markt fragmentieren, den Wettbewerb in der Warenwirtschaft stören, die Kosten von Geldtransaktionen stark erhöhen.
Die Undurchführbarkeit dieser Vorstellungen zeigt sich z. B. heute im Internet. Es gibt rund 50 unterschiedliche "Cybergeld-Währungen", mit denen man beim Online-Kauf bezahlen kann. Das Problem liegt darin, daß die Käufer mit einer dieser Währungen nur bei wenigen Webshops bezahlen können, während andererseits der Online-Anbieter mit den Währungen, die er anerkennt, nur einen kleinen Teil der potentiellen Kunden erreichen kann. Dieses Henne-Ei-Problem ist seit Jahren nicht lösbar. Dadurch stagniert der "Business to Consumer"-Handel. Eine Belebung des B2C-Geschäftes wäre nur möglich, wenn sich die Marktteilnehmer auf einen De-facto-Standard einigen könnten. Das würde aber den Abschied von Hayeks Ideal konkurrierender Währungen bedeuten.
Die gleichen Probleme würden sich auch im Offline-Handel ergeben, wenn man versuchen wollte, Hayeks Vorschlag anzuwenden. Wieviele unterschiedliche Währungen kann ein Einzelhändler auf einem Preisschild unterbringen? Wieviele unterschiedliche Währungen können die Warenwirtschaftssysteme der Industrie und des Handels erfassen? Wie soll eine verläßliche Preiskalkulation erfolgen, wenn sich der Wert der Währungen zueinander ständig ändert? Welcher Konsument ist in der Lage, in verschiedenen Währungen zu rechnen und dabei gleichzeitig deren wechselnde Relation zueinander zu berücksichtigen?
Konkurrierende Währungen könnten daher nicht lange Bestand haben. Sie würden bald in einem Ausleseprozeß oder durch gesellschaftliche Übereinkunft einer Einheitswährung weichen müssen. Das Ergebnis einer Währungskonkurrenz wäre nicht eine allgemein akzeptierte Goldbindung des Geldes, sondern es würde sich ein Zentralbanksystem durchsetzen, wie wir es heute kennen, allerdings nach einer langen Experimentierphase, in der enorme Umstellungskosten anfallen.