Mehr Freiheit - weniger Staat

Eric Hoffer

"Wo es Freiheit gibt, ist die Gleichheit die Leidenschaft der Massen. Wo es Gleichheit gibt, ist die Freiheit die Leidenschaft einer kleinen Minderheit. Gleichheit ohne Freiheit ergibt eine stabilere soziale Ordnung als Freiheit ohne Gleichheit." Eric Hoffer

Vorbemerkung
Die Furcht vor der Freiheit
Selbstbewunderung durch heilige Sache
Glaube statt Wissen
Der Glaube ist austauschbar
Zerstörung sozialer Bindungen
Die antikapitalistische Persönlichkeit

Vorbemerkung

"Der Glaube an eine heilige Sache ist in einem beträchtlichen Maße ein Ersatz für den verlorenen Glauben an uns selbst." Eric Hoffer

Auf unserem Streifzug durch die freiheitliche Gesellschaftskunde haben wir von Alexis de Tocqueville erfahren, welche Auswirkungen die allgemeinen Rahmenbedingungen Demokratie und Gleichheit haben, Gustave Le Bon verdanken wir Einsichten in die Bedeutung des archaischen Unbewußten in der Psychologie von Kollektiven, deren Mitglieder ihre Individualität verlieren und zu konformistischen Mitläufern werden.

Es bleibt noch die Frage zu klären, wer die Kristallisationskerne dieser Kollektive sind. Welcher Menschentyp gründet Gruppen, die zu Massenbewegungen werden? Wer sind die ersten fanatischen Mitglieder, die Propheten, Apostel und Kader dieser Kollektive, die die Massen an sich binden, falls sie Erfolg haben?

Es geht hier nicht um irgendwelche Karrieristen, Opportunisten, Bürokraten oder Technokraten im Lager der Freiheitsfeinde, sondern um jene, die mit Inbrunst und Leidenschaft gegen die Freiheit kämpfen, die dabei keinen unmittelbaren persönlichen Vorteil anstreben, sondern sogar zu jedem Opfer bereit sind. Wer sind diese Gesinnungstäter? Wie entsteht ihr tiefverwurzelter Glaube?

Wir finden diesen Menschentyp in allen Massenbewegungen, seien sie religiöser, sozialer, nationalistischer, oder in neuerer Zeit auch grüner oder feministischer Art. Er stellt den aktiven Kern in den massenorientierten Organisationen, insbesonders während ihres Kampfes zur Eroberung der politischen Macht. Der fanatisch Rechtgläubige, von uns hier abkürzend Aktivist genannt, hat enorme politische Bedeutung.

Wertvolle Einsichten in den Charakter des Aktivisten verdanken wir Eric Hoffer, geboren am 25. 7. 1902 in New York City, gestorben am 21. 5. 1983 in San Francisco. Hoffer war ein echter Autodidakt. Er arbeitete als Holzfäller, landwirtschaftliche Hilfskraft und Hafenarbeiter, bevor er als Gastprofessor an die University of California in Berkeley berufen wurde. Die folgenden Zitate stammen aus seinem Werk: The True Believer. Thoughts on the Nature of Mass Movements (Harper & Row, Perennial Library, New York, 1951).

Die Furcht vor der Freiheit

So sehr die Aktivisten verschiedener Glaubensrichtungen in ihren Anschauungen sich auch unterscheiden mögen, im Kern ihrer Persönlichkeit sind sie alle gleich. Man findet bei ihnen eine narzißtische Grundhaltung, eine Selbstverliebtheit, die sich im Wunsch äußert, sich selbst zu überhöhen. Es ist für Menschen mit diesem Charakterzug sehr schmerzhaft, im Leben Niederlagen erfahren zu müssen; festzustellen, daß sich die eigenen Ambitionen nicht verwirklichen lassen. Wer so eingestellt ist, wird interpersonelle Leistungsvergleiche scheuen, denn sie bringen für den Narziß eine schmachvolle Minderung der Selbstachtung mit sich. Aus diesem Grund hassen die Aktivisten aller Schattierungen den Kapitalismus, der auf einem Wettbewerb beruht, in dem offenbar wird, daß ihr überhöhtes Bild von sich selbst nicht der Wirklichkeit entspricht.

"Die Freiheit der Wahl lädt die ganze Schande des Versagens auf die Schultern des Einzelnen. Und da die Freiheit eine Vielzahl von Versuchen ermöglicht, vervielfältigt sie unvermeidlicherweise Versagen und Frustration."

"Wenn man nicht das Talent hat, etwas aus sich selbst zu machen, dann ist die Freiheit eine ermüdende Last. Was nützt die Freiheit der Wahl, wenn man selbst unfähig ist?"

"Diejenigen, die am lautesten nach Freiheit rufen, sind oft auch jene, von denen es am wenigsten wahrscheinlich ist, daß sie in einer freien Gesellschaft glücklich wären. Die Enttäuschten, bedrückt durch ihre Unzulänglichkeiten, schieben die Schuld für ihr Versagen auf vorgefundene Schranken. Tatsächlich ist es ihr innerster Wunsch, dem 'frei sein für alle' ein Ende zu setzen. Sie möchten den freien Wettbewerb und das unbarmherzige auf die Probe stellen beseitigen, dem der Einzelne in einer freien Gesellschaft fortwährend unterworfen ist."

Selbstbewunderung durch heilige Sache

Es gelingt einer narzißtischen Persönlichkeit kaum jemals, der von ihr so gefürchteten Minderung der Selbstachtung zu entgehen. Wenn in der Kindheit oder spätestens in der Jugend immer wieder öffentlich festgestellt wird, daß die maßlosen Ambitionen des Narziß sich nicht erfüllen lassen, dann beginnt dieser an sich selbst zu verzweifeln. Er hat dann zwei Optionen: entweder akzeptiert er sich wie er ist; oder er scheut und verflucht jeden Wettbewerb, der nur seine Schwäche offenlegt, und sucht seine Selbstbewunderung in einer großen, heiligen Aufgabe, die auch den erhöht, der für sie eintritt. Es ist dann psychologisch unerheblich, was man zu seiner heiligen Sache macht, in jedem Fall wächst der Aktivist in eine übermenschliche Rolle hinein, die das reale Versagen des Einzelnen unbedeutend macht. Was zählt schon das Ausbleiben der erhofften Erfolge in Schule und Beruf, wenn man gerade dabei ist, die Welt zu retten?

"Je weniger ein Mensch sich selbst schätzt, desto mehr ist er bereit, seine Nation, seine Religion, seine Rasse oder seine heilige Sache über alles zu schätzen."

"Die brennende Überzeugung, daß wir gegenüber anderen eine heilige Pflicht haben, ist oft das Festklammern unseres untergehenden Ichs an einem vorbeikommenden Floß. Was aussieht wie eine helfende Hand ist oft eine hilfesuchende Hand."

"Nimmt man uns unsere heiligen Aufgaben, dann bleibt unser Leben winzig und bedeutungslos. Es gibt keinen Zweifel, daß wir durch den Übergang von einem selbstbezogenen zu einem selbstlosen Leben enorm an Selbstachtung gewinnen. Die Eitelkeit der Selbstlosen, sogar derer, die äußerste Bescheidenheit üben, ist grenzenlos."

"Ein Mensch wird sich wahrscheinlich dann um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, wenn diese es wert sind, daß man sich um sie kümmert. Wenn das nicht der Fall ist, dann wendet er sich von seinen bedeutungslosen Angelegenheiten ab und kümmert sich um die Tätigkeiten anderer Menschen. Das drückt sich aus in Geschwätz, Schnüffeln und Einmischen, und auch in einem fieberhaften Interesse an kommunalen, nationalen und sozialen Fragen. Indem wir vor uns selbst wegrennen, fallen wir entweder unserem Nachbarn in den Arm oder fassen an seine Gurgel."

Glaube statt Wissen

Der narzißtische Mensch kann seine Überhöhung durch eine heilige Sache nur dann erreichen, wenn er sich weigert, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Der Glaube an die eigene Mission muß fest und unerschütterlich sein. Keine Tatsache, keine logische Schlußfolgerung ist in der Lage, die Überzeugung des Rechtgläubigen zu widerlegen. Ein makelloses Bild von sich selbst ist nur möglich, wenn es auf einem Dogma gründet.

"Die Stärke des Glaubens äußert sich, wie Bergson gezeigt hat, nicht im Versetzen von Bergen, sondern darin, nicht zu sehen, daß Berge versetzt werden. Und es ist die Gewißheit einer unfehlbaren Lehre, die den Rechtgläubigen unzugänglich für die Ungewißheiten, Überraschungen und unerfreulichen Gegebenheiten der Welt um ihn herum macht. Daher sollte die Wirkungskraft eines Dogmas nicht nach der Tiefe, Erhabenheit oder Richtigkeit der Offenbarungen, die es umfaßt, beurteilt werden, sondern danach, wie weitgehend es das Individuum von seinem Selbst und der Welt, wie sie ist, abschirmt. Was Pascal von einer wirkungsvollen Religion sagte, gilt auch für jede andere wirkungsvolle Verkündigung: sie muß 'in Gegensatz zur Natur, zum gesunden Menschenverstand und zur Freude' stehen."

"Das Gegenteil eines religiösen Fanatikers ist nicht der fanatische Atheist, sondern der sanfte Zyniker, der sich nicht darum kümmert, ob es einen Gott gibt oder nicht. Der Atheist ist eine religiöse Person. Er glaubt an den Atheismus, als wäre es eine neue Religion."

"Massenbewegungen werden oft beschuldigt, ihre Anhänger mit der Hoffnung auf die Zukunft zu betäuben und dadurch um die Freude an der Gegenwart zu betrügen. Doch für die Enttäuschten ist die Gegenwart unrettbar verdorben. Bequemlichkeiten und Freuden können sie nicht erträglich machen. Keine wirkliche Zufriedenheit und kein echter Trost kann kann sich im Geist der Frustrierten einstellen, es sei denn durch Hoffnung."

"Jede etablierte Massenbewegung hat ihre Hoffnung auf die ferne Zukunft, ihre Art von Rauschgift, um die Ungeduld der Massen abzustumpfen und sie mit ihrer Stellung im Leben zu versöhnen. Der Stalinismus ist genauso ein Opium für das Volk, wie es die etablierten Religionen sind."

Der Glaube ist austauschbar

Der Aktivist befriedigt mit seinem politischen Engagement ein psychisches Bedürfnis, das er als sehr dringend empfindet. Unter welcher Fahne und für welche Ziele er kämpft, ist für ihn sekundär, wichtig ist ihm nur, seine Niederlagen im bürgerlichen Leben zu vergessen und sein Selbstwertgefühl durch die Zugehörigkeit zu einer heiligen Sache zu erhöhen, gleichgültig welche es ist. Die wahre Aufgabe der Massenbewegungen ist es, die emotionalen Bedürfnisse ihrer Anhänger zu befriedigen. Daher gleichen sich diese Bewegungen nicht nur in ihren rigiden Organisationsstrukturen, sondern auch im Heils- und Erlösungscharakter ihrer Lehren.

"Da alle Massenbewegungen ihre Anhänger aus den gleichen Menschentypen rekrutieren und an die gleiche Geisteshaltung appellieren, folgt: (a) alle Massenbewegungen stehen miteinander im Wettbewerb, und der Zugewinn an Anhängern der einen ist der Verlust der anderen; (b) alle Massenbewegungen sind austauschbar. Eine Massenbewegung wandelt sich leicht in eine andere. Eine religiöse Bewegung kann sich in eine soziale Revolution oder eine nationalistische Bewegung entwickeln; eine soziale Revolution in einen kämpferischen Nationalismus oder eine religiöse Bewegung; eine nationalistische Bewegung in eine soziale Revolution oder eine religiöse Bewegung."

"Obwohl sie an entgegengesetzten Polen zu sein scheinen, drängen sich die Fanatiker aller Art an einem Ende. Es ist der Fanatiker und der Gemäßigte, die Pole auseinander liegen und sich niemals treffen. Die Fanatiker der verschiedenen Schattierungen beäugen sich mit Mißtrauen und sind bereit, sich auf des anderen Hals zu stürzen. Aber sie sind Nachbarn und fast eine Familie. Sie hassen sich mit dem Haß von Brüdern. ... Es ist leichter für einen fanatischen Kommunisten sich zum Faschismus, extremen Nationalismus oder Katholizismus zu bekehren, als ein nüchterner Sozialdemokrat zu werden."

"Eine aufstrebende Massenbewegung lockt und bindet ihre Gefolgschaft nicht durch ihre Lehre und Versprechungen, sondern durch die Zuflucht, die sie anbietet, vor den Ängsten, der Unfruchtbarkeit und Bedeutungslosigkeit einer individuellen Existenz. Sie heilt die zutiefst Enttäuschten, nicht etwa indem sie ihnen eine absolute Wahrheit übermittelt oder Abhilfe schafft für die Schwierigkeiten und Mißstände, die ihr Leben elend machten, sondern durch deren Befreiung von ihrem fruchtlosen Selbst."

"Es ist nutzlos, die Lebensfähigkeit einer neuen Bewegung nach der Wahrheit ihrer Lehre und der Durchführbarkeit ihrer Versprechungen zu beurteilen. Was beurteilt werden muß, ist ihre gemeinschaftsbildende Organisation zur schnellen und vollständigen Einbindung der Enttäuschten."

Zerstörung sozialer Bindungen

Der Aktivist lebt nur für seine heilige Sache und damit die Organisation, die sie repräsentiert. Dieses Kollektiv ersetzt ihm Familie, Freundschaft und die vielfältigen Bindungen der Zivilgesellschaft. Der Rechtgläubige verliert seine Individualität, um in der auserwählten Gemeinschaft aufzugehen.

"Es ist offensichtlich, daß eine Massenbewegung mit Bekehrungseifer alle bestehenden Gruppenbindungen niederreißen muß, wenn sie eine große Gefolgschaft gewinnen will. Der ideale potentielle Bekehrte ist ein alleinstehender Mensch, der keine Gemeinschaft hat, mit der er sich vermischen und in die er aufgehen kann, um so die Geringfügigkeit, Bedeutungslosigkeit und Schäbigkeit seiner individuellen Existenz zu maskieren. Wo eine Massenbewegung die gemeinschaftsstiftenden Formen von Familie, Stamm, Land, usw., in einem Zustand des Verfalls und der Auflösung vorfindet, kommt sie herbei und fährt die Ernte ein. Wo sie die gemeinschaftlichen Formen in einem guten Zustand vorfindet, muß sie angreifen und zerstören."

"Eine wirkungsvolle Massenbewegung pflegt die Vorstellung der Sünde. Sie stellt das autonome Selbst nicht nur als unfruchtbar und hilflos dar, sondern auch als nichtswürdig. Zu beichten und bereuen heißt, seine individuelle Verschiedenheit und Gesondertheit abzuwerfen, und Erlösung ist zu finden, indem man sich im heiligen Einssein der Gemeinde verliert."

"Es scheint manchmal, daß Massenbewegungen maßgeschneidert sind, um sich den Bedürfnissen des Verbrechers anzupassen - nicht nur für die Läuterung seiner Seele sondern auch für die Ausübung seiner Neigungen und Talente ... Hier, wie anderswo, zielt die Technik einer Massenbewegung darauf ab, die Menschen mit einer Krankheit anzustecken und dann die Bewegung als Heilmittel anzubieten."

"Es gibt in allen Massenbewegungen zärtliche Gefühle für den Verbrecher und ein glühendes Werben um ihn."

Die antikapitalistische Persönlichkeit

"Im Leben des Neurotikers kommt der Lebenslüge eine doppelte Aufgabe zu. Sie tröstet über den Mißerfolg und stellt kommende Erfolge in Aussicht. In dem Falle des sozialen Mißerfolges, der uns hier allein angeht, liegt der Trost in dem Glauben, daß das Nichterreichen der angestrebten hohen Ziele nicht der eigenen Unzulänglichkeit, sondern der Mangelhaftigkeit der gesellschaftlichen Ordnung zuzuschreiben ist. ... Der Neurotiker klammert sich an seine Lebenslüge, und wenn er vor die Wahl gestellt wird, entweder ihr oder dem logischen Denken zu entsagen, zieht er es vor, die Logik zu opfern. Denn das Leben wäre ihm unerträglich ohne den Trost, den er in der sozialistischen Idee findet. Sie zeigt ihm, daß die Fehler, die seinen Mißerfolg verschuldet haben, nicht in seiner Person, sondern in dem Gang der Welt liegen, hebt damit sein gesunkenes Selbstbewußtsein und befreit ihn vom quälenden Minderwertigkeitsgefühl." Ludwig von Mises

Vorherige Seite Startseite