"Die Massen sind so etwas wie die Sphinx der antiken Sage: man muß die Fragen, die ihre Psychologie uns stellt, lösen oder darauf gefaßt sein, von ihnen verschlungen zu werden." Gustave Le Bon
geboren am 7. 5. 1841 in Nogent-le-Rotrou
gestorben am 15. 12. 1931 in Paris
Lebenslauf und Wirkungsgeschichte
Der negative Einfluß von Kollektiven
Merkmale von Massen
Sozialismus ist Sehnsucht nach der Urhorde
Die Massen verlangen nach Führung
Voraussetzungen von Revolutionen
Das Versagen der Demokratie
Wir wollen hier versuchen, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum freiheitliche Vorstellungen noch niemals in der Geschichte die Massen erfaßt haben. Dabei stützen wir uns auf die Thesen, die der französische Arzt und Soziologe Gustave Le Bon vorgetragen hat. Le Bon hat sich im Verlauf seines Berufslebens intensiv mit dem Verhalten von Gruppen beschäftigt. Er
Le Bon beobachtete, daß Gruppenbildung immer mit einem großen Konformitätsdruck einhergeht, der zu einem Verlust an Individualität führt. Die Gruppenmitglieder gleichen sich geistig immer mehr an, wodurch eine geistige Einheit der Gruppe auf einer entwicklungsgeschichtlich niedrigen Stufe entsteht. Er stellte fest: "allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch also mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar."
Die Thesen von Le Bon fanden bei seinen Zeitgenossen viel Zustimmung. So hat z. B. Sigmund Freud (1856-1939), der sich 1921 in seiner Abhandlung "Massenpsychologie und Ich-Analyse" zustimmend mit Le Bon beschäftigte, darauf hingewiesen, daß die Mitglieder von Kollektiven, zu einer "Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe, wie wir sie bei Wilden oder bei Kindern zu finden nicht erstaunt sind", neigen. Nach Freud ist der Einfluß der Kollektive auf ihre Angehörigen der Hypnose vergleichbar, durch die "...beim Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft" geweckt wird.
Joseph Schumpeter (1883-1950) faßt die Bedeutung der Aussagen von Le Bon wie folgt zusammen:
"Indem er, wenn auch überbetonend, die Wirklichkeit des menschlichen Verhaltens unter dem Einfluß der Zusammenballung zeigt - insbesonders das plötzliche Verschwinden, im Zustand der Erregung, der moralischen Zurückhaltung und der zivilisierten Formen des Denkens und Fühlens, den plötzlichen Ausbruch primitiver Triebe, kindlichen Verhaltens und krimineller Neigungen - hat er uns grausige Tatsachen vor Augen geführt, die jedermann kannte, aber niemand sehen wollte und er hat dadurch dem Bild der menschlichen Natur, das der klassischen Lehre der Demokratie und den landläufigen Auffassungen von Revolutionen zugrunde liegt, einen ernsthaften Schlag versetzt." Joseph Schumpeter
Der negative Einfluß von Kollektiven
In unseren Genen bewahren wir das Erbe unserer Vorfahren, von unseren hominiden Vorläufern bis zu unseren tierischen Ahnen. In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit dominierte bis in die allerjüngste Vergangenheit das Kollektiv. Die Zugehörigkeit zu Sippe und Stamm ermöglichte erst das Überleben. Dementsprechend sind wir alle tief von der Sehnsucht nach der Geborgenheit der Gruppe geprägt. Das Bewußtsein einer eigenständigen Existenz, der Gebrauch einer individuellen Vernunft, ist in der menschlichen Entwicklung sehr neu. Es ist daher zu erwarten, daß der Individualismus bei den meisten Menschen weniger ausgeprägt ist als der Kollektivismus. In der Massenbildung zeigt sich die Sehnsucht nach der Urhorde. Die Masse ist Urhorden-Ersatz.
"Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschheit noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewußten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewußten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein." Gustave Le Bon
"An der Vernunft haben die Götter und nur sehr wenige Menschen Anteil." Platon
Jeder von uns ist anfällig für eine "Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe". Einige wenige Menschen zeigen sich in dieser Hinsicht widerstandsfähiger als der Rest der Bevölkerung, aber gefährdet sind wir alle. Eine hohe Intelligenz oder eine gute Ausbildung bieten keinen Schutz gegen einen Rückfall in archaische Verhaltensmuster. Gerade auch Intellektuelle zeigen eine hohe Bereitschaft zur Massenbildung.
"Menschen von verschiedenartigster Intelligenz haben äußerst ähnliche Triebe, Leidenschaften und Gefühle. In allem, was Gegenstand des Gefühls ist: Religion, Politik, Moral, Sympathien und Antipathien usw. überragen die ausgezeichnetsten Menschen nur selten das Niveau des gewöhnlichen einzelnen." Gustave Le Bon
Die Angehörigen einer Masse müssen nicht alle an einem Ort versammelt sein. Die Massenbildung kann sehr gut über die Massenmedien erfolgen. Die totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts wären ohne das Rundfunkwesen nicht möglich gewesen und heutzutage ist das Fernsehen das wirkungsvollste Instrument zur Herstellung und Steuerung von Massen.
Auch kleinere Gruppen können Massen bilden. Le Bon nennt unter anderem Geschworene bei Schwurgerichten und Parlamentsversammlungen als Beispiele für Massen. Nicht die Größe einer Gruppe ist entscheidend für den Massenstatus, sondern deren Beschäftigung mit Fragen, die außerhalb der fachlichen Kompetenz und der Erfahrung der Gruppenmitglieder liegen. Eine Gruppe ist als Masse erkennbar, wenn sie folgende Kennzeichen hat:
"Darf man nun annehmen, die Abstimmungen der Massen würden durch die Beschränkung des Stimmrechts auf die Fähigen ... eine Besserung erfahren? Ich kann es keinen Augenblick annehmen, und zwar aus Gründen, ... die in der geistigen Bedeutungslosigkeit aller Gesamtheiten liegen, wie sie auch immer zusammengesetzt sein mögen. Ich wiederhole: in der Masse gleichen sich die Menschen stets einander an, und die Abstimmung von vierzig Akademikern über allgemeine Fragen gilt nicht mehr als die von vierzig Wasserträgern." Gustave Le Bon
Die folgenden kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem bekanntesten Werk von Le Bon: Psychologie der Massen (1895). Eine Masse weist folgende Merkmale auf:
Sozialismus ist Sehnsucht nach der Urhorde
Wir verstehen die Massenbildung als "Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe". In ihren frühen Entwicklungsstadien lebten die Menschen in kleinen Gruppen, in denen jeder seine durch Tradition genau festgelegte Rolle zu spielen hatte. Das soziale Gefüge der Urhorde galt als unveränderlich, ihre Kasten und Rangordnungen wurden nicht einmal in Gedanken in Frage gestellt. Das Leben verlief in überkommenen Bahnen, die für alle Geltung hatten. Die Urhorde war eine geschlossene Gesellschaft im strengen Sinne. Privateigentum war bis zum Aufkommen der griechischen Hochkultur nahezu unbekannt. Die Rückwendung der Massen kann also nur ein zurück zu jenen gesellschaftlichen Verhältnissen sein, die so lange die menschliche Entwicklung bestimmten. Le Bon hat auf diesen Zusammenhang hingewiesen:
"Heute werden die Forderungen der Massen nach und nach immer deutlicher und laufen auf nichts Geringeres hinaus als auf den gänzlichen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaft, um sie jenem primitiven Kommunismus zuzuführen, der vor dem Beginn der Kultur der normale Zustand aller menschlichen Gemeinschaft war."
Der Sozialismus ist in moralischer Hinsicht ein Atavismus ist. Die Forderung der Sozialisten, die ethischen Grundsätze der Urhorde auf die gesamte moderne Gesellschaft zu übertragen, ist eine Rebellion gegen die als Kälte empfundene Rationalität und Wettbewerbsorientierung des Kapitalismus. Le Bon sah im Sozialismus das politische Hauptproblem unserer Zeit, und er hat darin recht behalten.
"Der Sozialismus scheint zur Zeit die schwerste Gefahr zu sein, von der die europäischen Völker bedroht werden."
"Die große Triebkraft der Völkerentwicklung war niemals die Wahrheit, sondern der Irrtum. Und wenn heute der Sozialismus seine Macht wachsen sieht, so erklärt es sich daraus, daß er die einzige Täuschung darstellt, die noch lebendig ist. Wissenschaftliche Beweisführungen können seine Entwicklung nicht aufhalten."
"Der Sozialismus wird übrigens ein viel zu drückendes Regime sein, als daß er von Dauer sein könnte."
Materielle Gleichheit war für Le Bon "... der dunkle, drückende Traum vulgärer Mittelmäßigkeit." Angesichts der naturgegebenen Ungleichheit der Menschen muß die juristische Gleichstellung aller Bürger zu materieller Ungleichheit führen, die nur aufzuheben wäre, wenn der Staat die Menschen ungleich behandelt, um so eine Nivellierung auf dem kleinstmöglichen Nenner zu erzwingen.
"Sollte Gleichheit in der Welt herrschen, so müßte man allmählich alles, was den Wert einer Rasse ausweist, auf das Niveau des am tiefsten stehenden, was diese Rasse besitzt, herabdrücken."
Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts kritisierte Le Bon den Kampf der Massenbewegungen zur Errichtung des Wohlfahrtsstaates.
"Bei den lateinischen Völkern bedeutet das Wort Demokratie vor allem die Auslöschung des Willens und der Tatkraft des einzelnen vor dem Staat. Dem Staat wird immer mehr aufgeladen, er soll führen, zentralisieren, monopolisieren, fabrizieren. An ihn wenden sich beständig alle Parteien ohne Ausnahme: Radikale, Sozialisten, Monarchisten."
"Die fortwährende Schaffung von Gesetzen und Beschränkungsmaßnahmen ... hat das verhängnisvolle Ergebnis, den Bereich, in dem sich der Bürger frei bewegen kann, immer mehr einzuengen. ... Mit der zunehmenden Gleichgültigkeit und Ohnmacht der Bürger muß die Bedeutung der Regierungen nur noch mehr wachsen. Sie müssen notgedrungen den Geist der Initiative, der Unternehmung und Führung besitzen, den der Bürger verloren hat. Sie haben alles zu unternehmen, zu leiten, zu schützen. So wird der Staat zu einem allmächtigen Gott. Die Erfahrung lehrt aber, daß die Macht solcher Gottheiten weder von Dauer noch sehr stark war."
"Sie [die Massen] scheinen inbrünstig die Freiheit zu lieben, in Wirklichkeit weisen sie diese immer von sich und verlangen ständig vom Staat, ihnen Ketten zu schmieden."
Die Massen verlangen nach Führung
"Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer." Gustave Le Bon
Die Massen sind auf Grund ihrer psychischen Eigenschaften besonders anfällig für Manipulationen durch selbsternannte Führer. Die enorme Leichtgläubigkeit, der Mangel an eigenem Urteil, die starke Erregbarkeit und geistige Ansteckbarkeit der Massen bewirken, daß sie gegenüber irrationalen Lehren nahezu widerstandslos sind. Le Bon führte die Verbreitung religiöser Vorstellungen als Beispiel für diesen Wirkungsmechanismus an, der aber auch im Bereich der politischen Überzeugungen eine wichtige Rolle spielt.
"Man braucht nicht einmal bis zu den primitiven Wesen hinabzusteigen, um die völlige Ohnmacht der Logik im Kampf gegen Gefühle festzustellen. Erinnern wir uns nur daran, wie hartnäckig sich viele Jahrhunderte hindurch die religiösen Vorurteile gehalten haben, die der einfachsten Logik widersprechen. Fast zweitausend Jahre lang beugten sich die aufgeklärtesten Geister unter ihre Gesetze, und erst in der modernen Zeit war es überhaupt möglich, ihre Wahrheiten anzuzweifeln."
"Es war unglaubhaft, daß ein unwissender Zimmermann aus Galiläa zweitausend Jahre hindurch zu einem allmächtigen Gott werden konnte, in dessen Namen die bedeutendsten Kulturen gegründet wurden."
Wenn jemand seine Individualität aufgibt, um in einer Masse aufzugehen, dann sucht er damit die Last persönlicher Entscheidung und Verantwortung loszuwerden, um sie dem Kollektiv zu übertragen. Die Massen nehmen Führer nicht bloß in Kauf, sie verlangen nach ihnen. Es gibt natürlich genug machtbewußte Persönlichkeiten, die diese Gelegenheit zielstrebig nutzen, um zur Herrschaft zu kommen. Le Bon glaubte nicht, daß die Massen den Beeinflussungsmitteln der Führer, nämlich Behauptung, Wiederholung und Ansteckung, jemals ernsthaft Widerstand entgegenbringen könnten.
"In allen sozialen Schichten, von der höchsten bis zur niedrigsten, gerät der Mensch, sobald er nicht mehr alleinsteht, leicht unter die Herrschaft eines Führers. Die meisten Menschen, besonders in den Massen des Volkes, haben von nichts außerhalb ihres Berufsfachs eine klare und richtige Vorstellung. Sie sind nicht imstande, sich selbst zu leiten; so dient ihnen der Führer als Wegweiser."
"Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß."
"Wir haben bereits festgestellt, daß die Massen durch logische Beweise nicht zu beeinflussen sind und nur grobe Ideenverbindungen begreifen. Daher wenden sich auch die Redner, die Eindruck auf sie zu machen verstehen, an ihr Gefühl und niemals an ihre Vernunft."
"Wenn eine Behauptung oft genug und einstimmig wiederholt wurde, ... so bildet sich das, was man eine geistige Strömung (courant d'opinion) nennt, und der mächtige Mechanismus der Ansteckung kommt dazu. Unter den Massen übertragen sich Ideen, Gefühle, Erregungen, Glaubenslehren mit ebenso starker Ansteckungskraft wie Mikroben."
"[Die Ansteckung geht] ... wenn sie sich in den Volksschichten ausgewirkt hat, in die höheren Gesellschaftsschichten über. Heutzutage sehen wir, daß die sozialistischen Lehren anfangen, auch die zu ergreifen, die vermutlich ihre ersten Opfer sein werden. Vor der mechanischen Ansteckung tritt sogar der persönliche Vorteil zurück."
Nach Le Bon haben die Führer der Massen folgende Eigenschaften:
"Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt."
"Die Intelligenz, die die Verbundenheit aller Dinge erkennt, die Verstehen und Erklären ermöglicht, macht nachgiebig und vermindert die Kraft und Gewalt der Überzeugungen erheblich, die die Apostel nötig haben. Die großen Führer aller Zeiten, die der Revolution hauptsächlich, waren sehr beschränkt und haben deshalb den größten Einfluß ausgeübt."
Wer wird von den Massen als Führer anerkannt? Den Nimbus eines Führers erwirbt man sich durch "große" Taten, die an die Gefühle und Hoffnungen der Massen appellieren. Wer zumindest eine kleine Gruppe erfolgreich zu beeindrucken versteht, erwirbt ein Prestige, das auf dem Weg der Ansteckung immer mehr Menschen beeinflußt. Aus dem Schneeball wird eine Lawine.
Ein Führer kann schnell zum Volksfeind werden, wenn ihn das Glück verläßt. Sein Prestige beruht nicht auf Wertschätzung seiner Person und der von ihm vertretenen Ansichten, sondern auf der allgemeinen Zustimmung zu seiner Führungsrolle, die er bei widrigen Umständen schnell wieder verlieren kann.
"Der Held, dem die Masse gestern zujubelte, wird morgen von ihr angespien, wenn das Schicksal ihn schlug. Je größer der Nimbus [prestige], um so heftiger der Rückschlag."
Voraussetzungen von Revolutionen
"Stets bereit zur Auflehnung gegen die schwache Obrigkeit, beugt sich die Masse knechtisch vor einer starken Herrschaft." Gustave Le Bon
Le Bon hat gezeigt, daß der von sozialistischen Geschichtsschreibern errichtete Revolutionsmythos falsch ist. Eine Revolution bricht nicht aus, weil ein ausgebeutetes und unterdrücktes Volk kein anderes Mittel hat, um seine Lage zu verbessern. In einer wirklichen Diktatur gibt es keine Revolution, denn die staatliche Repression unterdrückt jeden Widerstand im Keim. Die Massen kommen nur dann in revolutionäre Stimmung, wenn eine Regierung sich als schwach erwiesen hat und die sozialen Verhältnisse bereits im Wandel sind.
Alexis de Tocqueville hat in seinem Werk L'Ancien Régime et la Révolution (1856) am Beispiel der französischen Revolution von 1789 die Legenden und Schutzbehauptungen der revolutionsfreundlichen Geschichtsschreibung widerlegt. Es gab keine Verelendung des Volkes in den Jahrzehnten vor der Revolution. Das vorrevolutionäre Regierungssystem hatte viele Mängel, auf die besonders die damaligen Liberalen (Physiokraten) hingewiesen haben, aber es fand trotzdem ein stetiger, wenn auch langsamer, ökonomischer und sozialer Fortschritt statt. Das beweist die etwa um 1750 einsetzende Zunahme der Bevölkerung, die auf eine Vermehrung des Wohlstands (bessere Ernährung und Hygiene) der Bauern und Handwerker zurückzuführen ist.
"In keinem Zeitabschnitt nach der Revolution von 1789 stieg der nationale Wohlstand Frankreichs so schnell wie in den 20 Jahren vor diesem Ereignis." Alexis de Tocqueville"Die Franzosen fanden ihre Lage [vor 1789] umso unerträglicher, je besser diese wurde." Alexis de Tocqueville
Eric Hoffer bestätigt diesen Befund. In Rußland war die wirtschaftliche und soziale Situation vor 1917 sehr ähnlich der Lage in Frankreich vor 1789. Die russische Wirtschaft wuchs beständig. Im vorrevolutionären Rußland befanden sich Tausende der weltbesten Agrarbetriebe, deren Produktivität höher war als die der Landwirtschaft in Westeuropa oder den USA. Die Industrialisierung schritt schnell voran und das Bankwesen sowie das Erziehungssystem hatten ein sehr hohes Niveau erreicht.
"Sowohl in Frankreich als auch in Rußland besaßen vor dem Ausbruch der Revolution die landhungrigen Bauern fast genau ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche, und der Großteil dieses Landes wurde im Zeitraum von ein oder zwei Generationen vor der Revolution erworben. Es ist nicht das tatsächliche Leiden, das die Menschen zum Aufstand treibt, sondern der Geschmack an den guten Dingen." Eric Hoffer"Die Unzufriedenheit ist wahrscheinlich am größten, wenn die Armut erträglich ist; wenn die Bedingungen sich so verbessert haben, daß ein idealer Zustand nahezu in Reichweite erscheint." Eric Hoffer
Revolutionen haben ihren Grund nicht in ökonomischen Mißständen, sondern in massenpsychologischen Prozessen, auf die Le Bon hingewiesen hat. Politische Bewegungen sind immun gegen rationale Kritik, weil ihr Handeln außerrationale Beweggründe hat.
" ... es ist ein Fehler zu glauben, daß ein politischer Angriff überwiegend von Mißständen hervorgerufen wird oder durch Rechtfertigung abgewendet werden kann. Politischer Kritik kann durch rationale Argumentation nicht wirkungsvoll entgegengetreten werden. Aus der Tatsache, daß die Kritik an der kapitalistischen Ordnung aus einer ablehnenden Einstellung stammt, d. h. aus einer Haltung, die eine innige Verbindung zu außerrationalen Werten hat, folgt nicht, daß eine rationale Widerlegung akzeptiert werden wird. Eine derartige Widerlegung könnte die rationale Hülle des Angriffs aufdecken, kann aber niemals die außerrationalen Triebkräfte erreichen, die immer hinter ihm versteckt liegen." Joseph Schumpeter
In der Demokratie treffen immer Kollektive die Entscheidungen. Joseph Schumpeter warnt vor der Illusion, daß der demokratische Prozeß rationale Entscheidungen hervorbringen könne. "Jedes Parlament, jeder Ausschuß, jeder Kriegsrat, zusammengesetzt aus einem Dutzend Generäle jenseits der sechzig, zeigt, wenn auch in milderer Form, einige jener Anzeichen, die im Fall des Pöbelhaufens so grell hervortreten, insbesonders ein vermindertes Verantwortungsgefühl, eine geringere Denkanstrengung und eine größere Empfänglichkeit für nicht-logische Einflüsse. Überdies sind diese Erscheinungen nicht beschränkt auf eine Menge im Sinne einer physischen Zusammenballung vieler Menschen. Zeitungsleser, Radiohörer, Parteimitglieder sind, auch wenn sie nicht physisch zusammenkommen, erschreckend leicht zu einer psychologischen Masse aufzuwiegeln und in einen Zustand der Raserei zu treiben, in dem jeder Versuch einer rationalen Argumentation nur tierische Verhaltensweisen anspornt."
Der klassische Liberalismus tritt deshalb dafür ein, den Bereich, in dem Kollektiventscheidungen zugelassen sind, eng begrenzt zu halten, und statt dessen die Domäne der Individualentscheidungen möglichst weit zu fassen. Die Macht jeder Regierung, auch einer demokratisch gewählten, ist auf ein Minimum zu reduzieren.
"Die Bildung einer Staatsordnung erfordert Jahrhunderte, und Jahrhunderte braucht es zu ihrer Wandlung." Gustave Le Bon