"That able but wrong-headed man, David Ricardo, shunted the car of economic science on to a wrong line - a line, however, on which it was further urged toward confusion by his equally able and wrong-headed admirer, John Stuart Mill." William Stanley Jevons
Das Wasser-Diamanten-Paradoxon
David Ricardo
John Stuart Mill
Jean-Baptiste Say
Frédéric Bastiat
Die Manchesterliberalen
Entstehung der neoklassischen Ökonomie
Carl Menger
Adam Smith hat mit seinem Werk die klassische Ökonomie geschaffen. Das von ihm entwickelte "natürliche System der Freiheit" erwies sich in den angelsächsischen Ländern als sehr erfolgreich. Nach den Napoleonischen Kriegen übernahmen viele kontinentaleuropäische Regierungen zumindest einen Teil der wirtschaftspolitischen Empfehlungen von Smith. In Preußen geschah dies durch die Stein/Hardenbergschen Reformen.
Doch die von Smith geschaffene Lehre hatte ein ernsthaftes Problem. Sie konnte die elementare Frage jeder Ökonomie: "Was bestimmt den Wert/Preis einer Ware?", nicht widerspruchsfrei beantworten.
Smith selbst war sich des Problems durchaus bewußt. Er unterschied bei Gütern zwei Arten von Wert: einen "Nutzwert" und einen "Tauschwert". Dabei fiel ihm auf, daß z. B. Wasser einen sehr hohen Nutzwert aber (zumindest in Schottland) einen sehr niedrigen Tauschwert hat. Bei Diamanten ist es umgekehrt: diese haben einen sehr niedrigen Nutzwert (damals gab es noch keine industrielle Nutzung der Diamanten), aber einen sehr hohen Tauschwert. Dieses Wasser-Diamanten-Paradoxon konnte Smith in The Wealth of Nations nicht erklären, obwohl er in seinen juristischen Vorlesungen die Lösung des Problems bereits angedeutet hatte.
Smith entschied sich für die Common-Sense-Erklärung des Preises eines Gutes: dieser sei durch die Arbeitskosten bestimmt, die bei der Produktion des Gutes anfallen. Damit hatte Smith eine Festlegung getroffen, die sich in der weiteren Entwicklung der Ökonomie als verhängnisvoll erweisen sollte.
Der einflußreichste Ökonom in der Zeit nach Smith war David Ricardo (1772-1823). Er verstand sich als Schüler von Smith. In seinen wirtschaftspolitischen Empfehlungen befindet sich in voller Übereinstimmung mit den Ansichten von Smith. Ricardo spielt jedoch eine sehr zwiespältige Rolle in der Ökonomie. Einerseits hat er sehr viele Verdienste:
Die neoklassische Ökonomie hat nachgewiesen, daß das Einkommen der Produktionsfaktoren (Grund und Boden, Kapital, Arbeit) von deren Produktivität abhängt. Die Einkommensverteilung folgt der Grenzproduktivität der Wirtschaftssubjekte, wie der Ökonom John Bates Clark (1847-1938) entdeckte.
"… free competition tends to give to labor what labor creates, to capitalists what capital creates, and to entrepreneurs what the coordinating function creates." John Bates Clark
Der bekannteste Ökonom nach dem Tode von Ricardo war John Stuart Mill (1806-1873), der die von seinem Vorgänger begonnene Fehlentwicklung noch vertiefte. Wie Ricardo war auch Mill der Meinung, daß die Wirtschaft ein Null-Summen-Spiel sei: die Gewinne könnten nur steigen, wenn die Löhne fallen, oder anders formuliert: die Arbeiter könnten nur mehr verdienen, wenn das Einkommen der Unternehmer gekürzt würde.
Mill vertrat auch das "eherne Lohngesetz" seines Vorbildes, daß die Löhne langfristig nicht über das Existenzminimum steigen könnten. Wie Ricardo sah auch Mill keinen Zusammenhang zwischen Produktion und Verteilung. Daraus schloß er, daß es für den Staat möglich sei, durch Steuergesetze die marktbedingte Einkommensverteilung zu korrigieren, ohne dadurch die Produktion zu beeinträchtigen, da diese unabhängig von der Verteilung funktioniere. Mill sah eine staatliche Umverteilung von Einkommen als wachstumsverträglich und sozial wünschenswert an.
"John Stuart Mill ist schon ein Epigone des klassischen Liberalismus und, besonders in seinen späteren Jahren unter dem Einflusse seiner Frau, voll von schwächlichen Kompromissen. Er gleitet langsam in den Sozialismus über und ist der Urheber der gedankenlosen Vermengung liberaler und sozialistischer Ideen ... alle Argumente, die zugunsten des Sozialismus geltend gemacht werden könnten, sind von ihm mit liebevoller Sorgfalt ausgearbeitet worden. Neben Mill gehalten sind alle übrigen sozialistischen Schriftsteller - auch Marx, Engels und Lassalle - kaum von Belang." Ludwig von Mises
Der grundsatztreueste Nachfolger von Adam Smith war der französische Ökonom Jean-Baptiste Say (1776-1832). Sein Lehrbuch Traité d'economie politique (1803), das von Napoleon in Frankreich verboten wurde, enthielt nicht nur die Lehren von Smith, sondern auch viele neue Einsichten. Diese sind:
"Eine gute Regierung stimuliert die Produktion. Eine schlechte Regierung fördert den Konsum." Jean-Baptiste Say
Der französische Schriftsteller und Journalist Frédéric Bastiat (1801-1850) war zwar kein professioneller Ökonom, aber er hat viele Verdienste in der Aufklärung der allgemeinen Öffentlichkeit über ökonomische Zusammenhänge. So wies er zurecht darauf hin, daß die Behauptung von Ricardo und Mill, die Löhne würden dauerhaft auf dem Existenzminimum verharren, nicht zutrifft. Dieses angebliche "eherne Lohngesetz", das auch von den Sozialisten behauptet wurde, war von der wirtschaftlichen Realität vollständig widerlegt worden. In den USA hatte sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen von 1776 bis 1860 mehr als verdoppelt. Auch in den anderen Industrieländern stieg das reale Einkommen der Arbeiter langsam aber stetig. Der Kapitalismus war nicht der Verursacher des Armutsproblems, das er von einer rückständigen Agrargesellschaft geerbt hatte, sondern dessen Lösung.
Bastiat war ein glänzender Stilist, der ökonomische Irrtümer der Sozialisten amüsant und prägnant widerlegen konnte. Seine Satiren sind heute noch lesenswert. Joseph Schumpeter hat ihn "the most brilliant economic journalist who ever lived" genannt.
Die sogenannten Manchesterliberalen, deren wichtigste Vertreter Richard Cobden (1804-1865) und John Bright (1811-1889) waren, erheben zwar nicht den Anspruch eines eigenständigen wissenschaftlichen Beitrags, sie sind für uns aber hier insofern interessant, als die bei Mill in der theoretischen Arbeit zu beobachtende Vermengung liberaler und sozialistischer Ideen bei ihnen in der Praxis festzustellen ist.
Cobden und Bright gründeten 1838 zusammen mit fünf anderen Kaufleuten die Anti-Corn-Law-League, die sich für die Abschaffung der britischen Einfuhrzölle auf Getreide einsetzte. Dabei waren die Manchesterliberalen sehr erfolgreich. Es gelang ihnen, sehr viele Briten für den Freihandel zu begeistern. Cobden und Bright wurden ins Unterhaus gewählt, das 1846 schließlich die Getreidezölle abschaffte, ohne dafür Gegenleistungen von den Handelspartnern Großbritanniens zu fordern. Als Parlamentarier bekämpfte Cobden die freiheitsfeindlichen Bestrebungen der Gewerkschaften und er kritisierte auch manche Eingriffe der Regierung in die Wirtschaft.
Über dieser positiven Leistungsbilanz dürfen aber nicht die Schattenseiten der Manchesterliberalen vergessen werden. Diese Bewegung forderte die Einführung von Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuern, um den Anteil der direkten Steuern am gesamten Steueraufkommen zu erhöhen. Zur damaligen Zeit stellten die Zölle einen erheblichen Teil der Steuereinnahmen dar. Als 1846 die Getreidezölle abgeschafft wurden, entschloß sich die britische Regierung, die dadurch entstandenen Einnahmeausfälle durch die erstmalige Erhebung einer Einkommensteuer auszugleichen. Die Manchesterliberalen unterstützten dieses Vorhaben und können dadurch das "Verdienst" für sich in Anspruch nehmen, an der Ausweitung staatlicher Macht maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.
Richard Cobden und seine Bewegung forderten auch die flächendeckende Einrichtung eines staatlichen steuerfinanzierten Schulwesens und die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Als die Manchesterliberalen diese Forderung erhoben, wurde der größte Teil der Kinder bereits in privaten Schulen, die sich meistens in kirchlicher Trägerschaft befanden, unterrichtet. Die große Mehrheit der Elternschaft wünschte sich keineswegs eine Änderung dieser Situation. Da die Manchesterliberalen keine finanzielle Gleichstellung von privaten und staatlichen Schulen vorsahen, konnte ihre Schulpolitik nur zu einem Monopol des Staates im Bildungswesen führen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten die Sozialisten in Deutschland einen verleumderischen Propagandakrieg gegen die Manchesterliberalen, die als wahre Vampire des Kapitalismus dargestellt wurden. Dabei wurde z. B. unterschlagen, daß die britische Freihandelsbewegung niemals eine Massenbewegung hätte werden können, wenn sie nicht die Unterstützung vieler Arbeiter gehabt hätte, denen sehr wohl bewußt war, daß eine Senkung der Getreidezölle zu einem Sinken der Nahrungsmittelpreise führen muß. Gerade die Arbeiter in der exportorientierten britischen Industrie gehörten zu den treuesten Anhängern der Freihandelsbewegung.
Entstehung der neoklassischen Ökonomie
In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die klassische Ökonomie in einer ernste Krise geraten. Das Erbe von Adam Smith drohte verloren zu gehen. Die Abkehr von seinen freiheitlichen Vorstellungen war weit verbreitet.
Die englischen Universitäten wurden von den Ricardianern dominiert. In den USA war John Stuart Mill der meistgelesene Autor. Eine neue Orthodoxie hatte sich breitgemacht. Mill erklärte etwas voreilig: "Happily, there is nothing in the laws of value which remains for the present or any future writer to clear up; the theory of the subject is complete." In Frankreich wurde die klassische Ökonomie nach dem Tod von Jean-Baptiste Say zunehmend zum Außenseiter.
Besonders schlimm war die Lage in Deutschland. Dort wurden die Hochschulen von einer Gruppe beherrscht, die sich "Historische Schule" nannte. Ihre Vertreter verstanden sich als "die intellektuelle Leibgarde des Hauses Hohenzollern". Der preußische Staat wurde von ihnen glorifiziert, Kapitalismus und Liberalismus galten als undeutsche Irrlehren, der Sozialismus als Inbegriff des Preußentums. Diese Kathedersozialisten behaupteten, daß es ökonomische Gesetze nicht geben könne. Folgerichtig beschränkten sie ihre Arbeit auf das Sammeln von Akten und Beschreibungen, aus denen aber keine abstrakt-theoretischen Schlußfolgerungen gezogen werden durften.
Für den Liberalismus entstand durch diesen Niedergang der Ökonomie eine ernste Lage, weil beide eng miteinander verbunden sind. Ludwig von Mises stellte dazu fest: "Man kann Liberalismus nicht ohne Nationalökonomie verstehen. Denn der Liberalismus ist angewandte Nationalökonomie, ist Staats- und Gesellschaftspolitik auf wissenschaftlicher Grundlage."
Eine neue Methodologie, ein Durchbruch in der ökonomischen Theorie war erforderlich, wenn die Ökonomie als Wissenschaft überleben sollte. Diese Leistung vollbrachten zeitgleich, aber unabhängig voneinander, drei akademische Außenseiter:
Die obigen Werke fanden eine sehr unterschiedliche Aufnahme. Walras galt als schwer verständlich und wurde kaum beachtet. Es dauerte Jahrzehnte, bis seine Leistung bekannt und anerkannt wurde. Jevons wurde zwar 1876 Professor für politische Ökonomie am University College in London, aber die orthodoxen Ricardianer, welche die britischen Hochschulen beherrschten, ließen sich von seinen Argumenten nicht beeindrucken.
Ganz anders hingegen die Aufnahme von Mengers Arbeit in Österreich. Noch 1871 wurde er Privatdozent an der Universität Wien, zwei Jahre später erhielt der 33-jährige Menger die Ernennung zum Professor für Rechts- und Staatswissenschaften. Menger hatte beim Schreiben der Grundzüge gehofft, daß er damit die theoriefeindlichen Ökonomen der Historischen Schule in Deutschland überzeugen könnte, ihre unwissenschaftliche Haltung aufzugeben. Doch damit hatte er sich gründlich geirrt. In Deutschland stieß seine Lehre auf Desinteresse bis offene Feindschaft. Auch anderswo konnte kein etablierter Ökonom für die neue Theorie gewonnen werden. Aber trotzdem schaffte es Menger, unter Studenten und jungen Dozenten Anhänger für seine Auffassungen zu finden.
Die breite Ablehnungsfront ist nicht erstaunlich, wenn man sich den revolutionären Charakter der Mengerschen Lehre veranschaulicht:
Menger hatte damit nicht nur das Wasser-Diamanten-Paradoxon aufgelöst, sondern insgesamt die Smithsche Lehre auf ein sicheres theoretisches Fundament gestellt.
Über die politischen Auffassungen Mengers, der sich öffentlich nur zu theoretischen Fragen äußerte, wissen wir dank der Aufzeichnungen eines seiner prominentesten Schüler etwas mehr. Menger war als Hochschullehrer dafür bekannt, selbst komplexe Sachverhalte einfach und klar darzustellen, ohne dabei die fortgeschrittenen Studenten zu langweilen. Dieser Ruf verschaffte ihm einen Auftrag, den so ähnlich auch schon Adam Smith erhalten hatte: er sollte einem Mitglied der Hocharistokratie Privatunterricht geben. Der Schüler von Menger war Erzherzog Rudolf von Habsburg, der österreichische Thronfolger.
Von Januar bis März 1876 gab Menger dem 18-jährigen Rudolf einen Einführungskurs in Ökonomie. Als Lehrbuch benutzte er The Wealth of Nations von Adam Smith. Menger war offensichtlich der Meinung, daß dieser 100 Jahre alte Text immer noch die beste Handlungsanleitung für einen künftigen Monarchen bot. Der Lehrgang war methodisch so gestaltet, daß Menger jeweils einen Vortrag hielt, den Rudolf anschließend aus dem Gedächtnis zu Papier bringen mußte. Menger sah danach die Vortragsniederschrift durch, korrigierte sie, wo notwendig, und machte weiterführende Anmerkungen.
Die Aufzeichnungen von Erzherzog Rudolf beweisen nicht nur, daß dieser ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, denn sie sind sehr umfangreich und detailliert, sondern auch, daß Menger ein klassischer Liberaler in der Tradition Adam Smiths war.
"Menger's Rudolf Lectures are, in fact, probably one of the most extreme statements of the principles of laissez faire ever put to paper in the academic literature of economics." Erich Streissler
Es dauerte eine Generation, bis der von Menger vollzogene Paradigmenwechsel sich in der Ökonomie durchgesetzt hatte. Einen wesentlichen Anteil daran hatte Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914), der seit 1880 an der Universität Innsbruck und ab 1904 an der Universität Wien ein entschiedener Vertreter der neoklassischen Theorie war. In seinem Hauptwerk Kapital und Kapitalzins entwickelte er eine Kapital- und Zinstheorie auf der Grundlage der Grenznutzenbetrachtung. Böhm-Bawerk betonte die entscheidende Rolle des Kapitals und seiner Eigentümer für das Wachstum der Wirtschaft. In seinem Seminar, das auch von Ludwig von Mises und Joseph Schumpeter besucht wurde, leistete Böhm-Bawerk einen wichtigen Beitrag zur Durchsetzung der neuen Lehre.
"Menger is the vanquisher of the Ricardian theory ... Menger's theory of value, price, and distribution is the best we have up to now." Joseph Schumpeter
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