Mehr Freiheit - weniger Staat

Die Bedeutung der Gentechnik

"Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!" Friedrich Nietzsche

Vorbemerkung
Der Weg zum menschlichen Selbstentwurf
Technologische Grundlagen der Keimbahnintervention
Somatische Therapie spielt untergeordnete Rolle
Cyborgs bleiben Phantasie
Einwände gegen die Genwahl
Ausblick in die Zukunft

Vorbemerkung

Wir wollen auf dieser Seite zeigen, daß Platon recht hatte, wenn er den verschiedenen Klassen Gold, Silber, Kupfer und Eisen beigemischt sah. Die moderne Molekulargenetik ist zunehmend in der Lage, diesen metaphorisch gemeinten Metallen bestimmte Gensequenzen zuzuordnen. Platons Forderung, "das Metall in den Rassen... zu überwachen und zu überprüfen - das Gold, das Silber, das Erz und das Eisen", wird bereits in wenigen Jahren durch die Gentechnik erfüllbar sein.

Der Versuch Poppers, Platon als einen Phantasten lächerlich zu machen, ist gescheitert. Die Entwicklung der Biowissenschaften zeigt, daß Platons Programm realisierbar ist. Seine Wegweisung ist heute gültiger denn je.

Wir stützen unsere Argumentation insbesonders auf Gregory Stock, Redesigning Humans: Choosing our Children's Genes (2002).

Der Weg zum menschlichen Selbstentwurf

"Schon viel früher als zum Ende dieses Jahrtausends werden wir uns höchstwahrscheinlich so stark verändert haben, daß wir viel mehr sein werden, als bloße Menschen." Gregory Stock

Die Technologien zum Eingriff in die Keimbahn des Menschen werden nicht bewußt geschaffen, sondern sind das unbeabsichtigte Nebenprodukt des schnellen Fortschritts in den Biowissenschaften, den wir gegenwärtig beobachten können. Zur Entwicklung der Genwahltechnik (GWT) bedarf es keines wissenschaftlichen Durchbruchs, sondern nur des normalen Fortgangs der Arbeiten in allseits anerkannten Forschungszweigen.

Die GWT wird sich, ähnlich wie das Internet, aus der spontanen Interaktion von Marktkräften ergeben, nicht aber aus der Verfolgung eines zentralen Plans.

"Die grundlegenden Entdeckungen, welche die künftigen Fähigkeiten [der GWT] hervorbringen werden, entspringen aus Forschung, die tief in die Hauptrichtung der Wissenschaft eingebettet ist, aus Forschung, die in hohem Maße Gutes bewirkt, eine weitverbreitete Unterstützung genießt und gewiß nicht auf ein Ziel wie Keimbahnintervention ausgerichtet ist. Die Möglichkeiten des menschlichen Neuentwurfs werden sich ergeben, ob wir sie aktiv anstreben oder nicht." Gregory Stock

Technologische Grundlagen der Keimbahnintervention

Die in vitro Fertilisation ist eine Schlüsseltechnologie in diesem Bereich. Die erste erfolgreiche IVF fand 1978 in den USA statt. Wie nicht anders zu erwarten, wurde diese großartige wissenschaftliche Leistung von den Technikfeinden aller Schattierungen nicht nur nicht begrüßt, sondern verteufelt. Diese Kreise sprachen vom "Retortenbaby", von dem anzunehmen sei, daß es eine "monströse Persönlichkeit" habe, da es nicht auf natürlichem Wege, sondern in einem emotional kaltem Labor aus Stahl und Glas gezeugt worden ist. Heute ist die IVF ein unverzichtbarer Bestandteil der Reproduktionsmedizin. In den USA wurden 1998 ca. 80.000 IVF durchgeführt, die in 28.000 Fällen erfolgreich waren, also zur Geburt eines Kindes führten. In 2002 waren in den USA 100.000 IVF zu verzeichnen. Die Erfolgsrate beträgt bei Frauen unter 35 Jahren 70% je Zyklus, das ist weitaus mehr als bei natürlicher Empfängnis.

Drei Technologien werden wahrscheinlich gemeinsam dafür sorgen, daß die Keimbahnintervention realisierbar wird:

Durch den Einsatz künstlicher Chromosomen, die es für Menschen bereits seit 1997 gibt, könnten Eingriffe in die Keimbahn besser beherrschbar werden. Diese künstlichen menschlichen Chromosomen haben im Labor bereits mehr als hundert Zellteilungen in menschlichem Gewebe unbeschadet überstanden. Es ist gelungen, sie in den Zellkern von Mäusen einzuschleusen, die sich über mehrere Generationen normal fortpflanzten, ohne das künstliche Chromosom zu verlieren. Es wäre möglich, dem menschlichen Genom ein zusätzliches Chromosomenpaar (als Nummer 47 und 48) hinzuzufügen, das als Behälter dient, um neue Gene aufzunehmen. In einem wohlbekannten künstlichen Gebilde läßt sich genetisches Material einfacher unterbringen als in den bereits vorhandenen 46 Chromosomen, in denen vielfältige gegenseitige Abhängigkeiten bestehen und wo es schwierig wäre festzustellen, ob sich neue Gene an der richtigen Stelle befinden und korrekt funktionieren.

Somatische Therapie spielt untergeordnete Rolle

Die somatische Gentherapie verändert die Gene in den Körperzellen, nicht aber in den Keimzellen. Die somatische Therapie hatte bisher einige Erfolge, aber sie ist technisch schwieriger durchzuführen als eine Keimbahnintervention. Es ist weitaus einfacher, die Gene in einem Embryo zu ändern, der nur aus wenigen Zellen besteht, als in einem voll entwickelten Körper ein neues Gen am richtigen Platz, zur richtigen Zeit, im richtigen Ausmaß zu aktivieren. Die somatische Gentherapie strebt an, ein modifiziertes Gen in ein Zielgewebe zu bringen und sicherzustellen, daß das Gen nur dort wirksam ist. Das ist bei schwer zu erreichenden inneren Organen, wie z. B. der Leber, ein schwieriges Unterfangen.

Angesichts der großen Unterschiede zwischen somatischer und keimbahnbezogener Intervention ist davon auszugehen, daß die heutigen Anstrengungen zur Entwicklung somatischer Therapien keine große Bedeutung für die Ausarbeitung von Eingriffen in das Erbgut haben werden.

Cyborgs bleiben Phantasie

Die Vision einer dauerhaften Mensch-Maschine Integration läßt sich nicht verwirklichen und es wäre sehr unklug, dies ernsthaft zu versuchen. Unser Körper besteht aus biologischen Zellen, die sich nicht eignen für eine permanente Arbeitsverbindung mit elektronischen Sonden. Zwar haben Ärzte bereits erfolgreich an einigen Stellen des Körpers, wie dem Ohr oder dem Hirnstamm, Elektroden eingepflanzt, um ausgefallene Funktionen zu ersetzen. Aber ein gelegentlicher Erfolg mit einigen Elektroden ist etwas ganz anderes, als eine verläßliche Verbindung zentraler Körperteile mit dauerhaft implantierter Elektronik.

Die Vorstellung, daß es möglich sei, Gehirnimplantate zu entwickeln, die das menschliche Denken verstärken, ist naiv, denn die biochemischen Denkprozesse im Gehirn sind inkompatibel mit den elektrischen Vorgängen in einer Technik-Hardware. Der Download von Gehirninhalten auf Computer oder der Upload von Informationen in die umgekehrte Richtung muß daran scheitern, daß die Codierung von komplexen Informationen in beiden Welten sehr unterschiedlich ist.

Aber selbst wenn ein Cyborg technisch machbar wäre: warum sollte man die großen Risiken der Neurochirurgie auf sich nehmen, wenn die meisten der gewünschten Wirkungen durch miniaturisierte externe Hilfsmittel erzielbar sind? Es gibt kaum eine Cyborg-Anwendung, die nicht durch externe Geräte realisierbar wäre.

Die Entwicklung der Technik wird nicht zu einer Mensch-Maschine Integration führen, sondern in vielen Situationen zu einem vollständigen Ersatz des Menschen durch Maschinen. So entwickelt z. B. die US-Luftwaffe bereits Kampfflugzeuge, die ohne Piloten auskommen. Ohne eine Pilotenkanzel wären diese Flugzeuge leichter, beweglicher, schneller einsetzbar, billiger in Herstellung und Wartung, und vor allem müßte man im Krieg nicht das Leben einer Flugzeugbesatzung aufs Spiel setzen.

Einwände gegen die Genwahl

Ausblick in die Zukunft

Wird es den Feinden der reproduktiven Freiheit gelingen, ein weltweites Verbot der Keimbahnintervention durchzusetzen? Das ist glücklicherweise sehr unwahrscheinlich. Um die zukünftige Umgestaltung unserer Biologie zu verhindern, müßte man jede Forschung in Molekulargenetik verbieten und sogar einen Verzicht auf bereits erreichte technologische Errungenschaften durchsetzen.

"Verbote werden nicht bestimmen ob, sondern wo die Technologien verfügbar sind, wer Gewinn daraus zieht, wer ihre Entwicklung formt, und welche Eltern frühen Zugang zu ihnen haben. Gesetze werden darüber entscheiden, ob die Entwicklung der Technologien in streng überwachten klinischen Versuchen in den USA, in Staatslaboratorien in China, oder in geheimen Einrichtungen in der Karibik stattfindet." Gregory Stock

Es besteht wenig Hoffnung, daß in Deutschland die politische Klasse ihren Kreuzzug gegen die GWT in absehbarer Zeit aufgibt. Aber es gibt andere Ländern, in denen eine offene Haltung zur Genwahl vorherrscht, wie z. B. China, Singapur oder Israel. Wenn sich Deutschland von der Biotechnologie verabschiedet, dann wird diese dorthin auswandern, wo sie willkommen ist. Letztendlich entscheiden die Marktteilnehmer über das Ausmaß der Nutzung der GWT. Keimbahneingriffe werden nur dann eine Chance auf dem freien Markt haben, wenn sie eine deutliche Verbesserung gegenüber dem status quo bewirken.

"Der Kapitalismus bietet gegen fragwürdige reproduktive Technologien einen hervorragender Schutz, denn falls diese nicht einer bedeutenden Zahl von Menschen Nutzen bringen, haben sie kein Gewinnpotential und verschwinden vom Markt oder werden erst gar nicht entwickelt." Gregory Stock

Unabhängig davon, welche Haltung die Bevölkerungsmehrheit zur Genwahl einnehmen wird, ist zu erwarten, daß kleine Gruppen von wagemutigen Vollkommenheitssuchern die GWT unverzüglich anwenden werden, wenn sie zur Verfügung steht. Ein Beispiel für diese Position gibt Max More, der Gründer der Extropianer, der 1992 in einem "Brief an Mutter Natur" schrieb:
"Mutter Natur, wir sind Dir wirklich dankbar für das, wozu Du uns gemacht hast. Zweifellos hast Du Dein Bestes gegeben. Wir müssen jedoch, mit dem Dir zukommenden Respekt, sagen, daß Du hinsichtlich der menschlichen Beschaffenheit schlechte Arbeit geleistet hast. Du hast uns verletzbar durch Krankheit und äußere Einwirkung gemacht. Du zwingst uns zu altern und zu sterben - gerade dann, wenn wir beginnen Weisheit zu erlangen. Und Du hast vergessen, uns das Betriebshandbuch für uns selbst zu geben! ... Wir haben beschlossen, daß es Zeit ist, die menschliche Konstitution zu ergänzen. ... Wir tun dies nicht leichtfertig, rücksichtslos oder respektlos, sondern vorsichtig, intelligent und mit dem höchstmöglichen Qualitätsanspruch. ... In den kommenden Jahrzehnten werden wir eine Reihe von Änderungen an unserer eigenen körperlichen Ausstattung anstreben. ... Wir werden die Reichweite unserer Sinne erweitern,... die Organisation und Leistungsfähigkeit unseres Nervensystems verbessern, ... unsere Antriebsmuster und gefühlsmäßigen Reaktionen neu gestalten, ... unsere genetische Programmierung übernehmen und Herrschaft über unsere biologischen und neurologischen Prozesse erreichen."

Die GWT stellt uns einige Fragen, deren Beantwortung erst in ferner Zukunft möglich sein wird:

"We civilised men, on the other hand, do our utmost to check the process of elimination; we build asylums for the imbecile, the maimed, and the sick; we institute poor-laws; and our medical men exert their utmost skill to save the life of every one to the last moment. There is reason to believe that vaccination has preserved thousands, who from a weak constitution would formerly have succumbed to small-pox. Thus the weak members of civilised societies propagate their kind. No one who has attended to the breeding of domesting animals will doubt that this must be highly injurious to the race of man." Charles Darwin, in: The Descent of Man, 1871.

Charles Darwin

Charles Darwin

1809 - 1882

Vorherige Seite Startseite Nächste Seite