"Es ist wider alle Natur, wenn der geübte Steuermann die Matrosen untertänigst ersuchen soll, sich sein Kommando gefallen zu lassen; widernatürlich ist es auch, daß der Weise vor den Toren der Reichen warten soll ... Wahr und natürlich ist es aber, daß die Kranken, ob reich, ob arm, zur Pforte des Arztes eilen. Ebenso sollten diejenigen, die der Herrschaft bedürfen, das Tor dessen belagern, der zum Herrschen fähig ist; und ein Herrscher, der etwas wert ist, sollte sie nie bitten, seine Herrschaft anzunehmen." Platon
Vorbemerkung
Die zentrale Frage der Politik
Machtwechsel oder Machtbeschränkung
Die Unausweichlichkeit der Wer-Frage
Platons Forderung
Die Abweichung vom Idealzustand
Naturgegebene Ungleichheit
Sozialtechnik oder Gentechnik
Popper schrieb nach eigenem Bekenntnis die Offene Gesellschaft und ihre Feinde, um einen Beitrag zur Kriegsführung im 2. Weltkrieg zu leisten. Dabei ging es ihm darum, die geistigen Wurzeln des Kriegsgegners aufzuspüren und sie einer vernichtenden Kritik zu unterziehen. "So ging ich auf Spurensuche in der Geschichte; von Hitler zurück zu Platon: dem ersten großen politischen Ideologen, der in Klassen und Rassen dachte" (Vorwort zur 7. deutschen Auflage 1992). In Platon (427 - 347 v. u. Z.) glaubt Popper den geistigen Stammvater von Faschismus und Nationalsozialismus entdeckt zu haben.
In der Auseinandersetzung Poppers mit Platon geht es im Kern um die Frage, von welchen Annahmen über den Menschen die Politik auszugehen hat.
Die zentrale Frage der Politik
Popper kritisiert, daß "Platon sein fundamentales politisches Problem unglücklicherweise in der Frage formulierte: Wer soll herrschen?" (2, 63) Popper lehnt Platons Frage ab, weil sie zu Antworten führt, die Popper aus der politischen Diskussion verbannen möchte. "Es ist meine Überzeugung, daß Platon dadurch, daß er das Problem der Politik in Form der Frage stellte 'Wer soll herrschen?' ... die politische Philosophie gründlich verwirrt hat ... Denn sobald einmal die Frage 'Wer soll regieren?' gestellt ist, ist es selbstverständlich schwierig, eine Antwort wie 'der Beste' oder 'der Weiseste' ... zu umgehen. Aber so überzeugend eine solche Antwort auch klingen mag - denn wer wird wohl die Herrschaft 'der Schlechtesten' oder 'des größten Narren' ... empfehlen? - sie ist, wie ich zu zeigen versuchen werde, völlig nutzlos." (1, 144)
Popper versucht, den Fokus der politischen Philosophie zu verschieben, indem er Platons Fragestellung durch eine andere ersetzt, die zu den gewünschten politischen Ergebnissen führt. Um dieses Ziel zu erreichen, verweist Popper auf Sachverhalte, die gerade für Liberale unbestritten sind. Er erinnert daran, "daß es nicht leicht ist, eine Regierung zu erhalten, auf deren Güte und Weisheit man sich unbedingt verlassen kann. Ist das einmal zugegeben, so erhebt sich die Frage, ob sich das politische Denken nicht von Anfang an mit der Möglichkeit schlechter Regierungen vertraut machen sollte; ob wir nicht gut daran täten, uns auf die schlechtesten Führer vorzubereiten und auf die besten zu hoffen. Aber das führt zu einer neuen Betrachtung des Grundproblems der Politik; denn es zwingt uns, die Frage Wer soll regieren? durch die neue Frage zu ersetzen: Wie können wir politische Institutionen so organisieren, daß es schlechten oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzugroßen Schaden anzurichten?" (1, 145)
Zur Lösung dieses Problems schlägt Popper soziale Institutionen vor, "die es den Beherrschten gestatten, die Herrscher abzusetzen" und zwar "ohne Blutvergießen, zum Beispiel auf dem Wege über allgemeine Wahlen" (1, 149). Diese Art von abrufbarer Herrschaft bezeichnet Popper als Demokratie, die für ihn nicht in der direkten Machtausübung des Volkes besteht, sondern in der Absetzbarkeit der Herrscher durch das Volk. "Obgleich nämlich 'das Volk' die Aktionen seiner Herrscher durch Drohung mit Absetzung beeinflussen kann, regiert es doch selbst niemals in irgendeinem konkreten praktischen Sinn." (1, 149) Für Popper "beruht die Theorie der Demokratie nicht auf dem Prinzip der Herrschaft der Majorität" (1, 150), sondern auf der Möglichkeit, durch Mehrheitsentscheidungen unbeliebte Herrscher abzusetzen und durch andere Sozialtechniker zu ersetzen.
Machtwechsel oder Machtbeschränkung
Nun ist es sicher wünschenswert, wenn ein Machtwechsel unblutig stattfindet. Besonders für die untereinander um Machterhalt und -eroberung kämpfenden Sozialtechniker hat dieser Vorschlag offenkundige Vorteile. Für die Beherrschten aber ändert sich durch einen Austausch der Herrscher nichts, wenn diese sich in ihrer Politik nicht wesentlich unterscheiden. Was nützt ein Auswechseln der Machthaber, wenn man nicht weiß, ob der Nachfolger besser ist als der Vorgänger?
Wir müssen auch berücksichtigen, daß der Staat nicht nur aus Exekutive und Legislative, sondern auch aus der Judikative besteht. Die Macht der Richter ist ungeheuer groß. Will Popper bei einem Machtwechsel auch die Richterschaft austauschen? Wie würde sich das mit der Unabhängigkeit der Richter vertragen? Oder möchte Popper, daß die jeweils herrschende Legislative so detaillierte Gesetze verabschiedet, daß den Richtern kein Interpretationsspielraum bleibt? Das wäre aber eine Abkehr von Prinzip der Gewaltenteilung und überdies nicht praktikabel.
Man kann zugunsten von Popper einwenden, daß bereits die Möglichkeit der Machtablösung das Verhalten der Herrscher beeinflußt. Das bedeutet aber in der Praxis nur, daß die Gefahr eines mittelfristig drohenden Machtverlusts die Regierenden veranlaßt, ihre Vorteile in der Gegenwart zu maximieren, ohne Rücksicht auf die Zukunft zu nehmen. Gerade in dieser Situation kann ein Politiker ohne Probleme Stimmenkauf betreiben, indem er Wahlgeschenke durch Schuldenaufnahme des Staates finanziert. Wenn die kumulierten Staatsschulden so groß geworden sind, daß Zinsen und Tilgungszahlungen den größte Posten im Staatshaushalt ausmachen und der Staatsbankrott droht, dann sind die verantwortlichen Politiker längst nicht mehr im Amt.
Wir können Poppers Zuversicht, mit seinem Machtwechselvorschlag das Hauptproblem der Politik gelöst zu haben, nicht teilen. Es stellt sich die Frage, warum Popper aus seinen allgemeinen Einsichten nicht andere Schlüsse gezogen hat. "Ich neige zur Ansicht, daß Herrscher sich moralisch oder intellektuell selten über und oft unter dem Durchschnitt befanden ... Es scheint mir Wahnsinn, alle unsere politischen Bemühungen auf die schwache Hoffnung zu gründen, daß die Auswahl hervorragender oder auch nur kompetenter Herrscher von Erfolg begleitet sein wird." (1, 147)
Warum zieht Popper aus dieser richtigen Einsicht nicht den Schluß, den die Liberalen schon seit Jahrhunderten gezogen haben, nämlich die Macht der Herrschenden so weit wie möglich zu begrenzen? Wenn es für die Regierenden nichts zu entscheiden gibt, dann können auch keine Fehler gemacht oder Ungerechtigkeiten begangen werden. Dieser Ansatz geht davon aus, den Bürger selbst entscheiden zu lassen, ihn aus der Vormundschaft der Regierung zu entlassen. Doch diese Kernforderung des Liberalismus steht im Gegensatz zu Poppers Protektionismus. Die Klasse der Sozialtechniker hält an ihrer privilegierten Stellung fest, auch wenn nicht bestritten werden kann, daß die "Herrscher sich moralisch oder intellektuell selten über und oft unter dem Durchschnitt befanden".
Die Unausweichlichkeit der Wer-Frage
Platons Frage "Wer soll herrschen?" ist durch Poppers Machtwechselvorschlag nicht aus der Welt geschafft. Die Notwendigkeit einer bewußten und sachgerechten Auswahl der Führungspersonen ergibt sich in allen gesellschaftlichen Systemen, die überleben wollen. Auch ein Staat, der nach den Vorstellungen Poppers gestaltet ist, kann nicht darauf verzichten, bei der Besetzung von Richter-, Soldaten- und Verwaltungsstellen die Wer-Frage zu stellen. Nur in der Legislative und in den politischen Spitzen der Exekutive, den eigentlichen Tummelplätzen der Politiker, möchte Popper diese Frage nicht stellen.
Auch wenn es keinen Staat gäbe, müßten wir bei der Besetzung von Führungspositionen eine Antwort auf die Wer-Frage finden. Betrachten wir z. B. ein multinationales Unternehmen, dessen Umsatz größer sein kann als das Bruttoinlandsprodukt eines mittelgroßen Staates. Wenn wir Poppers Argumentation folgen wollten, müßten wir sagen: wir können auf die moralische und intellektuelle Prüfung der Kandidaten für den Vorstand verzichten, da dies schwierig ist, in der Vergangenheit wenig erfolgreich war und dieser Aufwand auch gar nicht erforderlich ist, weil wir untaugliche Führungspersonen jederzeit entlassen können.
Natürlich wird kein Aufsichtsrat nach dem Rezept Poppers verfahren und beliebige Personen in den Vorstand berufen, um dann abzuwarten was passiert, und, wenn die Ernennung sich als Fehlschlag erwiesen hat, andere Personen ins Rennen zu senden, deren Qualifikation er ebenfalls nicht überprüft hat und deren Erfolgschancen genauso ungewiß sind, wie die ihrer Vorgänger. Ein derartiges Versuch-und-Irrtums-Spiel könnte sich kein Unternehmen leisten, denn jede falsche Personalentscheidung ist äußerst kostspielig. Die private Wirtschaft wäre nicht existenzfähig, wenn sie Poppers Vorschlag folgen würde.
Auch Popper kann sich nicht der Frage entziehen: "Wer soll als Sozialtechniker herrschen?" Wir nehmen an, daß es Popper nicht gleichgültig ist, wer als Sozialingenieur Macht ausübt. Es ist davon auszugehen, daß auch Popper sowohl moralische Anforderungen, wie z. B. Bekenntnis zur humanitären Religion, als auch intellektuelle Ansprüche stellen wird. Würde er darauf verzichten, wäre der Erfolg der Sozialtechnik gefährdet.
Platons Frage kann nicht umgangen werden. Sie stellt sich, ob wir es wollen oder nicht, in jeder leistungsorientierten Organisation, und wir müssen eine Antwort auf sie finden, auch dann, wenn sich dies als schwierig erweist. Wir sehen keinen Grund, warum ein Staat in dieser Hinsicht anders behandelt werden sollte als ein privates Unternehmen. Im Minimalstaat ist dieses Problem lösbar, weil seine Führungspersonen nur die äußere und innere Sicherheit zu gewährleisten und einen allgemeinen rechtlichen Rahmen zu pflegen haben. Ansonsten hat die Regierung eines Mininmalstaates keine Kompetenzen, die sie mißbrauchen könnte. Im Wohlfahrtsstaat hingegen besteht wirklich keine Aussicht, durch irgendwelche Auswahlmaßnahmen zu gutem Führungspersonal zu kommen, denn die gewaltige Macht, den die Regierenden in diesem Staatstyp haben, muß jedermann korrumpieren.
Dieser Sachverhalt erfordert von uns eine grundlegende Entscheidung: wenn wir moralisch untadelige und intellektuell kompetente Entscheidungsträger haben wollen, dann müssen wir uns für eine Staatsform entscheiden, in der die zur Erreichung dieses Ziels erforderlichen Auswahlmaßnahmen durchführbar sind. Popper hat sich für die wohlfahrtsstaatliche Machtfülle entschieden, obwohl er wußte, daß unter diesen Bedingungen die "schlechtesten Führer" zu erwarten sind.
"Aber da ist auch eine Forderung ... und sie ist das schwerwiegendste Prinzip, der gemäß der Weise führen und herrschen, der Unwissende aber ihm folgen solle; und dies ... ist sicher nicht im Widerspruch mit der Natur, sondern ihr gemäß; denn nicht äußerer Zwang ist erfordert, sondern die wahrhaft natürliche Herrschaft eines Gesetzes, das auf gegenseitiger Übereinkunft beruht." Platon
Platon begründet seine Forderung damit, daß die Menschen von Natur aus mit unterschiedlichen Begabungen ausgestattet sind und deshalb die Arbeitsteilung nutzen müssen, wenn sie zu Wohlstand kommen wollen. Platon argumentiert bereits wie Adam Smith, der ebenfalls in der Teilung der Arbeit zwischen unterschiedlich begabten Menschen die Hauptquelle des Wohlstands sah.
"Von Natur aus gleicht kein Mensch dem anderen in jeder Hinsicht. Jeder hat seine besondere Natur. Der eine eignet sich zu dieser, der andere zu jener Arbeit ... Würde nun der einzelne Besseres zustande bringen, wenn er in vielen Berufen arbeitet oder nur in einem? ... Sicher wird mehr und Besseres produziert werden, und dies wird auf einfachere Weise geschehen, wenn jedermann eine seinen natürlichen Gaben entsprechende Beschäftigung ausübt." Platon
Platon beschränkt nicht, wie üblich, die Arbeitsteilung auf die Erwerbstätigkeiten, sondern er möchte sie auf alle menschlichen Aktivitäten ausgedehnt wissen. Für Platon ist politische Führung eine Arbeit wie jede andere auch, und demzufolge ist sie nach den gleichen Grundsätzen zu organisieren, die sich auch anderswo als sinnvoll erwiesen haben.
"Wir haben festgestellt ... daß jedermann in unserem Staatswesen nur eine Arbeit ausüben solle; nämlich diejenige Arbeit, für die seine Natur am besten geeignet ist." Platon
Platon ging davon aus, daß eine arbeitsteilige Gesellschaftsstruktur auf freiwilliger Übereinkunft der Bürger beruht. Wenn alle von der Arbeitsteilung profitieren, dann ist zu erwarten, daß sich die Arbeitsbeziehungen aus übereinstimmenden Willenserklärungen der Beteiligten ergeben. Platon war damit der erste Philosoph, der bewußt eine Vertragstheorie der Gesellschaft vertrat.
Der Staat ist in dieser Hinsicht mit einem privaten Unternehmen vergleichbar. Ein Unternehmer zwingt niemand zur Mitarbeit, sondern erwartet, daß diejenigen, die seiner Führung vertrauen, sich bei ihm um Mitarbeit bewerben. Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmer und Mitarbeiter nicht mehr gegeben ist, steht es beiden frei, ihren Arbeitsvertrag zu kündigen. Dieses Modell übertrug Platon auf den Staat. Zwischen Bürger und politischer Führung kommt durch konkludentes Handeln ein Staatsangehörigkeitsvertrag zustande, der von beiden Seiten jederzeit kündbar ist.
Die Abweichung vom Idealzustand
"Umwälzungen in jeglicher Verfassungsform entstehen, ohne Ausnahme, innerhalb der herrschenden Klasse selbst, und das nur dann, wenn diese Klasse der Wohnsitz der Uneinigkeit geworden ist." Platon
Es ist nun offenkundig, daß in politischen Führungspositionen keineswegs die Leistungsfähigsten anzutreffen sind. Das war in Platons Tagen nicht anders als heute. Platon erklärt diese Abweichung vom Idealzustand durch den Klassenkampf, der darin besteht, daß weniger Begabte unter Gewaltandrohung oder -anwendung Positionen einnehmen, die sie im freien Leistungswettbewerb nicht erreichen könnten. Das kann den Klassenkämpfern nur gelingen, wenn ihnen die herrschende Klasse nicht ausreichend Widerstand leistet, weil sie kein klares Klassenbewußtsein mehr hat.
"Wenn nun ein Königtum oder irgendeine Herrschaft verfällt - wo anders liegt da die Schuld, als bei den Herrschern selbst?" Platon
Platon unterscheidet 5 Arten der Herrschaft, je nach ihrer Übereinstimmung mit der menschlichen Natur. Je schlechter die politische Führung, desto tiefer der Platz in der Rangordnung.
Die Erfüllung von Platons Forderung schafft eine differenzierte Gesellschaft, in der jeder nach seiner Leistungsfähigkeit arbeitet und dabei je nach seiner Leistung entlohnt wird. Das führt zu unterschiedlichen Einkommen und Vermögen der Bürger und damit zu einer Rangordnung in der Gesellschaft. Die soziale Differenzierung ist nicht vom Staat erzwungen, sondern sie ergibt sich spontan aus der Unterschiedlichkeit der menschlichen Begabungen.
Die Politik versucht üblicherweise, die sich spontan ergebende Ungleichheit aufzuheben, indem sie durch eine ungleiche Behandlung der Ungleichen die von der Bevölkerungsmehrheit ersehnte Gleichheit erzwingt.
"Die Natur ...wird durch das konventionelle Gesetz verzerrt und gewaltsam gezwungen, der Gleichheit Ehre zu erweisen." Platon
Popper ist nicht bereit, die sich aus der Verschiedenartigkeit der menschlichen Begabungen ergebende Klassenbildung hinzunehmen. Er wendet ein, "daß persönliche Überlegenheit, sei es nun Überlegenheit der Rasse, Intelligenz, Sitte oder Erziehung, niemals einen Anspruch auf politische Prärogative begründen kann" (1, 60). Das ist natürlich richtig, aber Platon geht es gar nicht um politische Vorrechte. Seine Erkenntnis lautet, daß gleiche Behandlung in ihrer Natur Ungleicher zu ökonomischer Ungleichheit führen muß. Wenn in Abwesenheit aller Vorrechte, d. h. bei vollständiger rechtlicher Gleichheit, in den Leistungen der Menschen sich Unterschiede zeigen, dann können diese nur von Unterschieden in der menschlichen Natur bewirkt worden sein.
Es handelt sich hier also um eine Tatsachenbehauptung Platons, die nur empirisch widerlegt werden könnte. Überraschend schwach und hilflos ist jedoch die Argumentation Poppers. "Gleichheit ... ist ... unmöglich, da die Menschen einander weder gleichen noch gleich gemacht werden können. Dieser scheinbar sehr realistische Einwand ist nun in Wirklichkeit höchst unrealistisch, denn politische Privilegien wurden niemals auf natürliche Charakterunterschiede gegründet." (1, 116)
Warum soll dieser Einwand unrealistisch sein? Platon wollte mit seinem Hinweis auf die menschliche Natur keine Privilegien begründen, sondern eine Gesellschaftsordnung, die auf freiwilliger Übereinkunft beruht, weil sie sich aus den Notwendigkeiten der Arbeitsteilung ergibt. Wenn Popper der Behauptung, daß "die Menschen einander weder gleichen noch gleich gemacht werden können", nicht zustimmen kann, dann liegt es an ihm, durch den Nachweis überprüfbarer Tatsachen, die seine Meinung unterstützen, den Gegenbeweis anzutreten. Aber gerade diese Auseinandersetzung in der Sache vermeidet Popper.
Statt dessen wählt er die Strategie, bestimmte Wissensgebiete zu tabuisieren. "Wenn tatsächlich etwas Wichtiges in der Lehre vom 'Blut' und der Ungleichheit von Talenten stecken würde; und selbst wenn es der Mühe wert wäre, seine Zeit damit zu vergeuden, diese Unterschiede abzuschätzen (falls es möglich wäre, sie abzuschätzen): warum sollte man diese Unterschiede zur Grundlage größerer Rechte machen und nicht zur Grundlage größerer Pflichten?" (1, 321)
Es ist aufschlußreich, wie sehr sich Popper scheut, auf die Sachverhalte einzugehen. Seine Furcht vor den Tatsachen muß sehr groß sein, denn er weigert sich sogar, die diesbezügliche Fachwissenschaft auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Popper stellt sie als großes Mysterium dar, obwohl die Differentialpsychologie in den 1940er Jahren bereits ein voll entwickelte Wissenschaft war. Diese Flucht vor den Tatsachen ist das Eingeständnis, daß Popper die eigene Position nicht für verteidigungsfähig hält.
Popper weiß jedoch sich zu helfen: wenn man auf dem Felde der Tatsachen nicht gewinnen kann, dann verhängt man Forschungs- und Denkverbote. Er empfiehlt Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) als Vorbild im Kampf gegen jene, die behaupten, daß die Menschen einander weder gleichen noch gleich gemacht werden können. "Eine der besten Antworten, die je all diesen Feinden und Widersachern der Gleichberechtigungsidee gegeben wurde, stammt von Rousseau." (1, 321)
Wir wollen uns diese Antwort ansehen. Rousseau unterscheidet zwischen:
Wir lernen daraus, daß immer dann, wenn eine Frage auf eine Antwort hinausläuft, die nicht in unser Konzept paßt, wir unsere politischen Ansichten retten, indem wir einfach die unerwünschte Frage tabuisieren. Dazu benötigen wir eine möglichst große emotionale Keule, mit der wir auf jene Fragesteller einschlagen, die unsere ideologische Dominanz gefährden. Der Vorwurf, ein unterwürfiger Sklave zu sein, hat sich in Rousseaus Tagen sehr bewährt. Heutzutage erweisen sich andere Anschuldigungen als wirkungsvoll. Auch wenn sich die Moden ändern, die Methode bleibt: emotionalisieren statt argumentieren. Beeindruckt sind wir auch von der bestechenden Logik, mit der Rousseau eine Frage verbietet und gleichzeitig sich zu den "vernünftigen und freien Menschen, die nach Wahrheit suchen" zählt.
Wenn hier jemand ein Sklave ist, dann ist dies Popper als Sklave seiner egalitären Ideologie, die offensichtlich nur durchgesetzt werden kann, indem man Forschungs-, Sprech- und Denkverbote verhängt.
Platon hat nach Ansicht von Popper die Sünde des "biologischen Naturalismus" (1, 82) begangen, die darin besteht, daß Platon die sittlichen Normen und die Gesetze des Staates nicht willkürlich bestimmt, wie Popper es für richtig hält, sondern aus ewigen, unveränderlichen Naturgesetzen herleiten möchte.
Aber Popper wirft Platon noch ein weiteres Vergehen wider den Geist der Sozialtechnik vor. "Platon war nicht nur ein Naturalist mit einer biologischen Staatstheorie. Er war auch der erste Vertreter einer biologischen Rassentheorie der Sozialdynamik und der politischen Geschichte." (1, 99)
Um Poppers Urteil überprüfen zu können, müssen wir uns etwas näher mit Platons Ansichten über die Beweggründe der politischen Entwicklung, des Aufstiegs und Verfalls von Staaten, beschäftigen. Zum Zwecke seiner Analyse konnte sich Platon mit der Unterscheidung von 3 Klassen begnügen:
Da in der Antike noch keine klaren Vorstellungen über die Erbanlagen vorhanden waren, bediente sich Platon der damals üblichen Terminologie. Die Träger bestimmter vererbarer Eigenschaften wurden mit Metallen gleichgesetzt, wobei Edelmetalle für besonders wertvolle Eigenschaften standen. Die Metalle, die sich im Blut der Menschen finden, sind Metaphern für Gene, deren Existenz Platon bereits ahnte.
"Gott ... hat denen, die zum Regententum geschaffen sind, Gold beigemischt, Silber den Hilfstruppen und Eisen und Kupfer den Bauern und den übrigen produzierenden Klassen." Platon
Platon sah es als wichtigste Aufgabe der Wächter an, innerhalb der eigenen Klasse durch eine rationale Auswahl der Eltern zukünftiger Kinder dafür zu sorgen, daß das Erbgut der Wächter sich nicht verschlechtert. Wenn hierbei Fehler gemacht werden, ist die nächste Generation sittlich und intellektuell nicht mehr in der Lage, ihr Wächteramt vollständig auszufüllen, und es kommt zu Verfall und Niedergang des Staates.
"Und es werden daher Herrscher ernannt werden, die für ihre Aufgabe als Wächter gänzlich ungeeignet sind, für die Aufgabe nämlich, das Metall in den Rassen ... zu überwachen und zu überprüfen - das Gold, das Silber, das Erz und das Eisen. So wird sich Eisen mit Silber und Erz mit Gold vermengen, und Veränderung, absurde Gesetzlosigkeit wird aus dieser Mischung entspringen. Sobald aber diese geboren sind, erzeugen sie Streit und Feindschaft." Platon
Platon betonte, daß jeder Mensch die Arbeit verrichten sollte, für die er seiner Natur nach geeignet ist. Folgerichtig befürwortete Platon die vertikale Mobilität, sowohl nach oben, als auch nach unten. Wenn in der Klasse der Arbeiter
"... Kinder geboren werden, die eine Beimischung von Gold und Silber enthalten, dann sollen ... sie zu Wächtern und ... zu Mitgliedern der Hilfstruppen ernannt werden." Platon"Sollte aber einer, der von Natur aus ein Arbeiter ist ... es fertigbringen, den Kriegerberuf zu ergreifen; oder sollte zum Beispiel ein Krieger in die Klasse der Wächter gelangen, ohne dessen würdig zu sein; ... dann würde diese Veränderung und die heimliche Verschwörung, die zu ihr führt, das Verderben des Staates bedeuten." Platon
Diese Überlegungen führten Platon zu dem Schluß:
Es war naheliegend, daß Platon sich bemühte, praktische Vorschläge zu machen. Zu seiner Zeit hatte man bereits viele Erfahrungen in der Tierzucht gesammelt. Es war gelungen, aus wilden Tieren zahme Haustiere zu machen und diese fortlaufend an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Diese Erfolge vor Augen, stellte Platon die schon damals ketzerische Frage, warum wir zwar Tiere mit großer Sorgfalt züchten, nicht aber Menschen?
Popper zeigt sich über Platons Frage entrüstet, sagt aber nicht, warum es verwerflich sein soll, durch rationale Elternauswahl die Leistungsfähigkeit der nächsten Generation zu steigern. Platon versuche eine neue Menschenrasse zu schaffen, denn er fordere, "daß die Prinzipien, deren sich ein erfahrener Züchter bei der Aufzucht von Hunden, Pferden oder Geflügel bedient, auch bei der Aufzucht der Herrenrasse eingehalten werden sollten" (1, 63).
Popper behauptet auch eine Verwandtschaft der Auffassungen Platons mit jenen soziologischen Theorien der Gegenwart, welche versuchen, die Erkenntnisse der Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882) auf gesellschaftliche Zusammenhänge zu übertragen. "Das 'wissenschaftliche Element' der Rassenlehre läßt sich bis auf Haeckel zurückverfolgen, dem die Verantwortung für ein im Jahre 1900 veranstaltetes Preisausschreiben zukommt, das den Titel trug: 'Was können wir in bezug auf die innere und politische Entwicklung eines Staates aus den Prinzipien des Darwinismus lernen?' ... Es ist sehr interessant, wenn man sieht, wie sehr diese materialistische Rassenlehre trotz ihres so ganz anderen Ursprungs dem Naturalismus Platons ähnelt. Die Grundidee ist in beiden Fällen dieselbe; es ist die Idee, daß die Wurzel des politischen Verfalls ... in der Degeneration, insbesondere der oberen Klassen, zu suchen ist." (2, 74)
Popper prangert hier den deutschen Zoologen Ernst Heinrich Haeckel (1834-1919) an, der einer der bedeutendsten Verfechter der biologischen Entwicklungstheorie Darwins im deutschsprachigen Raum war. Haeckel hat durch seine Schriften, in denen er unter anderem seine Theorie der biogenetischen Grundregel darstellt, nach der jedes Tier während seiner Embryonalentwicklung die Stufen der stammesgeschichtlichen Entwicklung noch einmal durchläuft, sehr zur Verbreitung der Lehre Darwins beigetragen. Der Angriff Poppers auf Haeckel gilt in Wirklichkeit Darwin. Es wäre ehrlicher, wenn Popper den Schöpfer der Evolutionstheorie direkt kritisieren würde, statt einen Stellvertreterkrieg gegen seinen Popularisator zu führen.
Auf unseren Seiten über Intelligenzmessung und Gentechnik überprüfen wir anhand empirischer Belege Platons biologischen Naturalismus und Poppers politischen Voluntarismus.
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