Rationalismus gegen Empirismus
Kritik am logischen Empirismus
Das Problem der Induktion
Das Falsifikationsprinzip
Autonomie der Ethik
Leidensminimierung statt Glücksmaximierung
Wir wollen hier der Frage nachgehen, ob Poppers methodologische Überzeugungen von seinen politischen Interessen bestimmt werden. Popper nennt seine Methodenlehre Kritischer Rationalismus. Damit hat er seinen philosophischen Standort völlig richtig bezeichnet. In der Erkenntnistheorie ist der Rationalismus, der von René Descartes (1596-1650), Baruch Spinoza (1632-1677) und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) begründet wurde, jene Auffassung, die davon ausgeht, daß dem Verstand als Erkenntnisquelle Priorität gegenüber der durch die Sinneswahrnehmung vermittelten Erfahrung zukommt. Die Gegenposition dazu vertritt der Empirismus, der annimmt, daß jede Erkenntnis auf Erfahrung beruht. Als Hauptvertreter des klassischen Empirismus gelten Francis Bacon (1561-1626), John Locke (1632-1704) und David Hume (1711-1776).
Seit Jahrhunderten bestimmt die Auseinandersetzung zwischen Rationalismus und Empirismus die Erkenntnistheorie. Es geht dabei um die Frage: gewinnen wir Erkenntnis durch die intellektuelle Verarbeitung der zuvor von unseren fünf Sinnen wahrgenommenen Eindrücke, oder enthält unsere Vernunft bereits alles Wissen, das durch die Wissenschaft nur noch in uns entdeckt werden muß? Die Empiriker gehen davon aus, daß das Wissen a posteriori (vom späteren her), das heißt von der Erfahrung her, gewonnen werden muß. Die Rationalisten hingegen sind überzeugt, daß jede Erkenntnis a priori (vom früheren her), d. h. vom Verstand her, zu erreichen ist.
Entsprechend ihrer konträren Grundüberzeugungen benutzen die beiden Schulen unterschiedliche Forschungsmethoden. Die Empiriker schließen vom Einzelfall auf das Allgemeine. Sie gehen dabei von der Annahme aus, daß eine Hypothese, die sich bei einer Reihe von beobachteten Ereignissen als wahr erwiesen hat, sich bei allen gleichartigen Ereignissen als wahr erweisen wird. Je größer die Zahl der Einzelfälle, in denen sich die Hypothese als wahr erwiesen hat, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß sie richtig ist. Dieses Verfahren, das vom besonderen Einzelfall auf das Gesetzmäßige schließt, bezeichnet man als Induktion.
Die Rationalisten setzen auf die Deduktion. Dabei wird eine Aussage aus einer oder mehreren anderen Aussagen abgeleitet. Die Anhänger dieser Methode haben keinen besonders großen Wahrheitsanspruch. Sie geben sich mit der Gewißheit zufrieden, daß in einer gültigen deduktiven Beweisführung ein Schluß wahr sein muß, wenn alle Prämissen wahr sind. Das ist für die Empiriker ein zu eingeschränktes Forschungsprogramm. Aus den Prämissen kann nur das an Information abgeleitet werden, das bereits vorher in ihnen enthalten war. Aus unrealistischen Voraussetzungen lassen sich nur unrealistische Schlüsse ziehen. Wenn die Rationalisten zu gehaltvollen Prämissen gelangen wollen, können sie nicht umhin, diese mit empirischen Mitteln zu erlangen.
Außerdem ist am Rationalismus zu kritisieren, daß seine Erkenntnisse, die unabhängig von der Erfahrung gewonnen werden, durch die Erfahrung weder zu beweisen noch zu widerlegen sind. Das führt zu Spekulation, Dogmatismus, Obskurantismus und Metaphysik. Mit dem Liberalismus ist keine Forschungsmethode vereinbar, die unüberprüfbare Ergebnisse produziert. Es ist kein Zufall, daß nahezu alle Vertreter des Liberalismus Anhänger des Empirismus sind.
Die Empiriker gehen davon aus, daß metaphysische Aussagen, wie sie zum Beispiel in der Theologie vorkommen, bedeutungslos sind. Ähnlich wie der Agnostizismus lehnt der Empirismus sowohl Atheismus als auch Theismus ab, da deren Hypothesen an der Erfahrung nicht überprüft werden können.
Auch wenn die Empiriker die Gültigkeit eines a priori Wissens verneinen, so bedeutet das nicht die Verneinung der Gültigkeit analytischer Wahrheiten, die sich z. B. in der Mathematik erkennen lassen, wenn es nur darum geht, die Zusammenhänge zwischen wohldefinierten Begriffen zu analysieren, ohne einen Bezug zur Realität außerhalb der Analyse herstellen zu müssen. Der Einsatzbereich dieser analytischen Sätze ist aber eng begrenzt auf einige Spezialgebiete.
Kritik am logischen Empirismus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ergab sich die Notwendigkeit, bedingt durch Fortschritte in der Logik und Mathematik, den Empirismus zu modernisieren. Diese Aufgabe vollbrachte eine Gruppe von Wissenschaftlern, die nach dem 1. Weltkrieg in Wien regelmäßig zusammenkamen, um die Schriften von Bertrand Russell (1872-1970) und Ludwig Wittgenstein (1889-1951) zu diskutieren. Einen besonderen Einfluß auf die Gruppe, die sich Wiener Kreis nannte, hatte Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (1921), in dem metaphysische Lehren als sinnlos erkannt werden und die logische Notwendigkeit des Empirismus nachgewiesen wird.
Der Wiener Kreis suchte nach Wegen, wie man den Wahrheitsgehalt von Aussagen vergrößern könne. Es reiche in der Wissenschaft nicht aus, auf persönliche Erfahrung zu verweisen, vielmehr komme es darauf an, wissenschaftliche Hypothesen so zu formulieren, daß sie von beliebig vielen Personen an der Erfahrung überprüft werden können. Je häufiger diese Überprüfung stattfindet, ohne dabei einen Fehler zu entdecken, desto größer die Bestätigung, d. h. Verifikation der Hypothese. Jede Aussage, die sich nicht verifizieren läßt, ist bedeutungslos. Der Wiener Kreis empfiehlt die Anwendung der naturwissenschaftlichen Methoden in allen Wissenschaften. Ein Satz ist nur dann sinnvoll, wenn er unter reproduzierbaren Bedingungen bestätigt werden kann.
Popper konnte sich mit dem logischen Empirismus des Wiener Kreises nicht anfreunden. Popper bekennt sich ausdrücklich zu einer Religion, der humanitären Religion, wie er sie nennt, welche die Grundlage seines politischen Handelns ist. Eine Übernahme des Wissenschaftsprogramms des Wiener Kreises hätte es dem politisch ambitioniertem Popper unmöglich gemacht, aus seinen selbstgesetzten religiösen Axiomen politische Forderungen abzuleiten. Die von Wittgenstein im letzten Satz des Tractatus erhobene Forderung, daß man über das schweigen soll, worüber man nicht sinnvoll reden kann, richtet sich direkt gegen religiös motivierte Heilsbringer wie Popper, die unter Berufung auf nicht überprüfbare Erleuchtungen ein politisches Programm durchsetzen wollen.
Vor die Wahl gestellt zwischen Wissenschaft und Religion, entschied sich Popper für die letztere. In seinem methodologischen Werk Logik der Forschung (1934) wandte sich Popper gegen den Gebrauch des Induktionsprinzips in der Wissenschaft. Er beruft sich dabei auf Immanuel Kant (1724-1804), der versucht hatte, Empirismus und Rationalismus zu vereinen. Popper lobt die "Kopernikanische Wendung" Kants: "Wir müssen, sagt Kant, den Gedanken aufgeben, daß wir passive Zuschauer sind, die warten, bis die Natur ihnen ihre Gesetzmäßigkeiten aufzwingt. An die Stelle dessen müssen wir den Gedanken setzen, daß, indem wir unsere Sinnesempfindungen assimilieren, wir, die Zuschauer, ihnen die Ordnung und die Gesetze unseres Verstandes aufzwingen. Unser Kosmos trägt den Stempel unseres Geistes." (1, XXVI)
Die Frage ist nur, was geschieht, wenn unser Stempel falsch geprägt ist? Dann wird der Kosmos in uns nicht mit dem Kosmos außerhalb von uns übereinstimmen. Der Empirismus geht nicht davon aus, daß die Wissenschaftler passive Zuschauer sind, die auf eine Eingebung von außen warten. Empirisch orientierte Forscher stellen Fragen, die sich aus Widersprüchen bisheriger Forschungsresultate ergeben. Wir können, wenn wir schlecht beraten sind, unseren Sinnesempfindungen die Ordnung unseres Verstandes wohl aufzwingen , aber daraus ergibt sich noch keine Erkenntnis der Realität. Wenn "die Ordnung und die Gesetze unseres Verstandes" fehlerhaft sind, dann können daraus nur fehlerhafte Schlüsse gezogen werden. Das "Aufzwingen" unserer Vorurteile verzerrt unsere Wahrnehmung und führt uns in die Irre.
Poppers Kritik des Induktionsprinzips liefert keine neuen Argumente. Bereits David Hume hat darauf hingewiesen, daß die Anwendung des Induktionsverfahrens nicht völlige Gewißheit bringen kann. Hume bemerkte, daß wir nicht garantieren können, daß morgen die Sonne wieder aufgeht, bloß weil sie nach unseren Beobachtungen dies in der Vergangenheit immer getan hat. Hume erkannte, daß bestimmte Annahmen nur deshalb als Naturgesetze gelten, weil sie sich in der Vergangenheit als verläßlich erwiesen haben. Aber Verläßlichkeit in der Vergangenheit garantiert nicht, daß sich die beobachteten Erscheinungen in der Zukunft wiederholen werden. Wenn wir z. B. tausende Raben beobachtet haben, die alle schwarz waren, dann können wir mit einiger Sicherheit sagen: "Alle Raben sind schwarz", aber es könnte durchaus sein, daß es irgendwo Raben mit einem andersfarbigen Federkleid gibt.
"Der Mann, der das Huhn tagtäglich gefüttert hat, dreht ihm zu guter Letzt das Genick um und beweist damit, daß es für das Huhn nützlicher gewesen wäre, wenn es sich etwas subtilere Meinungen über die Gleichförmigkeit der Natur gebildet hätte." Bertrand Russell
Das von Popper aufgeworfene Problem der Induktion ist den Empirikern wohlbekannt, genauso wie seine Lösung mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Poppers Kritik am Induktionsprinzip ist ohne praktische Bedeutung für die Forschung. Wir vermuten, daß auch Popper nicht ohne Fallschirm vom Dach eines Hochhauses springen würde. Er wäre in seinem Interesse, sich auf das induktive Verfahren zu verlassen, nämlich auf die Beobachtung einer Vielzahl ähnlicher Einzelfälle, bei denen ein Fall aus großer Höhe infolge der Schwerkraft tödlich endete. Wir können nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen, daß die Gravitation auch beim nächsten Sprung wirken wird, aber wir sind gut beraten, in der Praxis davon auszugehen.
In der Logik der Forschung plädiert Popper mit viel Aufwand dafür, das Verifikationsprinzip des Wiener Kreises durch ein Falsifikationsprinzip zu ersetzen. Zwar ist es richtig, daß die Forderung nach Verifikation nicht logisch begründet werden kann, das gilt aber auch für den Falsifikationsgrundsatz. Poppers Falsifikationstheorie steckt voller Widersprüche, die unter anderem in Schriften von Imre Lakatos (1922-1974) und Paul Feyerabend (1924-1994) kritisch zur Sprache kommen. Der Falsifikationsvorschlag stellt keine grundlegende Änderung am Theoriegebäude des Wiener Kreises dar. Rudolf Carnap (1891-1970), ein prominentes Mitglied der Gruppe, stellte fest, daß Popper den Unterschied zwischen seinen Ansichten und denen des Wiener Kreises übertreibt.
Unter diesen Umständen ist es erstaunlich, daß Popper für sich in Anspruch nimmt, über den Wiener Kreis triumphiert zu haben. Eine Kapitelüberschrift in Poppers Autobiographie lautet: "Der logische Positivismus ist tot: Wer ist der Täter?" Darauf gibt Popper die unbescheidene Antwort: "Ich fürchte, daß ich mich als Täter bekennen muß." Diese Pose des siegreichen Gladiators läßt vermuten, daß ein wesentliches Motiv für Poppers Kritik am Wiener Kreis nicht Wahrheitsliebe, sondern Geltungssucht war. Gücklicherweise bezichtigt sich Popper einer Tat, die er gar nicht begangen hat. Der logische Empirismus, auch logischer Positivismus genannt, ist heute die vorherrschende Wissenschaftstheorie.
Poppers Methodologie enthält viel Richtiges und Originelles. Das Problem ist nur, daß das Richtige nicht von ihm ist und das Originelle nicht richtig ist. Popper hat, wahrscheinlich ohne es zu wollen, durch seine Kritik am Wiener Kreis dessen Ansichten einem größeren Publikum bekannt gemacht. Das ist aber das einzige Verdienst, das Popper für seine Methodenlehre in Anspruch nehmen kann.
Der Empirismus hat nachgewiesen, daß ethische Entscheidungen nicht innerhalb der Wissenschaft getroffen werden können, denn deren Aufgabe ist es, Aussagen über Tatsachen zu machen. Popper hat völlig recht, wenn er feststellt: "Aus der Feststellung einer Tatsache läßt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht." (1, 77) Daraus ergibt sich, daß die Ethik nicht Bestandteil der Philosophie oder irgendeiner anderen Wissenschaft sein kann. Popper, der in dieser Frage den Standpunkt des Empirismus vertritt, ist zuzustimmen: "Die 'wissenschaftliche' Ethik ist in ihrer absoluten Unfruchtbarkeit eines der erstaunlichsten sozialen Phänomene. Was hat sie vor? Will sie uns sagen, was wir zu tun haben, d. h., will sie einen Kodex von Normen auf wissenschaftlicher Grundlage errichten, so daß wir nur im Inhaltsverzeichnis nachzusehen brauchen, wenn wir vor einer schwierigen moralischen Entscheidung stehen? Das wäre sicher ein absurdes Unterfangen - ganz abgesehen von der Tatsache, daß sein Gelingen die persönliche Verantwortlichkeit und damit die Ethik selbst zerstören müßte. Oder will sie vielleicht wissenschaftliche Kriterien für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit sittlicher Urteile geben, d. h. von Urteilen, die Ausdrücke wie 'gut' oder 'böse' enthalten? Aber es ist doch selbstverständlich, daß sittliche Urteile völlig irrelevant sind! ... ein Zuviel an moralischer Beurteilung und insbesondere an moralischer Indignation ist immer ein Zeichen von Heuchelei und Pharisäertum." (1, 293)
Leider hält sich Popper nicht an seine eigene Erkenntnis. Sein Werk ist voll von moralischer Indignation. Aber in der Sache hat er recht: "Normen sind das Werk des Menschen in dem Sinn, daß nur wir allein für sie verantwortlich sind -, weder die Natur noch Gott." (1, 74) "Weder Natur noch Geschichte kann uns sagen, was wir tun sollen. Tatsachen, seien es nun Tatsachen der Natur oder Tatsachen der Geschichte, können die Entscheidung nicht für uns treffen, sie können nicht die Ziele bestimmen, die wir wählen werden. Wir sind es, die Zweck und Sinn in die Natur und die Geschichte einführen." (2, 326)
Der Dualismus von Tatsachen und moralischen Entscheidungen führt zur "Autonomie der Ethik" (1, 80), die von vielen Menschen als Last empfunden wird, der man sich gerne entzieht, indem man sich hinter irgendwelchen Autoritäten versteckt. Popper sieht mit Recht ein "Widerstreben, uns einzugestehen, daß wir allein die Verantwortung für unsere ethischen Entscheidungen tragen und daß niemand sonst diese Verantwortung übernehmen kann; weder Gott noch die Natur, noch die Gesellschaft, noch auch die Geschichte." (1, 88)
Soweit die richtige Theorie, die Popper vom Empirismus übernommen hat. Aber wie sieht seine Praxis aus? Zu Beginn des 1. Bandes erwähnt Popper in einem Nebensatz, daß seine politischen Überzeugungen nicht wissenschaftlich begründbar sind. Das hält Popper nicht davon ab, die Welt nach seinen moralischen Werturteilen gestalten zu wollen, obwohl diese nach eigenem Eingeständnis völlig willkürlich sind. Sicherlich benötigt jeder Mensch ethische Maßstäbe, die für sein eigenes Handeln zu gelten haben. Es ist aber anmaßend, die eigenen Werturteile für andere verbindlich zu machen. Genau das macht aber Popper, indem er z. B. als Sozialtechniker für Millionen anderer Menschen die Einkommensverteilung bis auf den letzten Cent vorschreibt, und dies mit den Geboten seiner humanitären Religion begründet, obwohl deren Glaubenssätze nach seinem eigenen Eingeständnis absolut willkürlich sind.
Als Wittgenstein seine Forderung erhob, daß man über das schweigen soll, worüber man nicht sinnvoll reden kann, dachte er dabei nicht nur an die Wissenschaft, sondern er hoffte, daß dieser Grundsatz sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch durchsetzen werde. Wenn etwas für die Wissenschaft nicht gut genug ist, dann sollte dies auch in anderen Sprachspielen diskreditiert sein. Wittgenstein verabscheute Moralapostel, welche die Welt nach eigenem Gutdünken verändern wollen. Doch Popper zeigt, wie resistent Sendungsbewußte in ihrer aufdringlichen Tugendhaftigkeit gegen eine logische Argumentation sein können.
Leidensminimierung statt Glücksmaximierung
Die meisten Menschen streben nach Glück und ihr ethischer Maßstab besteht einfach darin, alle jene Handlungen als gut anzusehen, die das individuelle Glück fördern. In der Ethik bezeichnet man diese Haltung als Utilitarismus. Auf die Politik angewandt ergibt sich daraus die Forderung, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen anzustreben.
Die utilitaristische Formel "schaffe größtmögliche Glückseligkeit" geht davon aus, daß eine Art von kontinuierlicher Glückseligkeitsskala vorhanden ist, die es uns gestattet, das Ausmaß der erreichten Glückseligkeit festzustellen. Das ist aber nicht der Fall. Glück ist ein sehr subjektives Empfinden und verschiedene Menschen verstehen sehr verschiedene Dinge darunter. Sogar ein einzelner Mensch kann im Zeitverlauf seine Vorstellungen von Glück ändern.
Die Praxis hat gezeigt, daß nahezu alle Utilitarier in ihrem Glücksbringungsbestreben zu einer totalitären Politik neigten. Das ist kein Zufall. Wenn jemand von sich glaubt, zu wissen, worin das Glück anderer Menschen besteht, dann fühlt er sich verpflichtet, es ihnen zu bringen, auch wenn das den Einsatz diktatorischer Mittel erfordert.
Auch auf individueller Ebene ist die Jagd nach dem Glück keine weise Entscheidung. Wer im privaten Bereich immer nach dem Glücksmaximum strebt, kann sicher sein, daß er dieses extreme Ziel kaum jemals erreichen wird. Je größer die persönlichen Erwartungen, die sich nicht erfüllen, desto größer die Enttäuschung. Ein Glückssucher ist meistens ein unglücklicher Mensch.
Popper ist zuzustimmen, wenn er feststellt: "das Prinzip der maximalen Glückseligkeit, das die Utilitarier verwenden, als auch Kants Prinzip 'fördere das Glück der anderen...' scheint mir... grundfalsch zu sein" (1, 362). Statt dessen schlägt Popper vor, "die utilitaristische Formel 'vermehre die Glückseligkeit, so sehr du kannst' durch die Formel 'vermindere das Leiden, so sehr du kannst' zu ersetzen. Ich halte es für möglich, daß eine so einfache Formel zu einem der Grundprinzipien ... der öffentlichen Politik gemacht werden kann." (1, 290)
Poppers protektionistischer Vorschlag, die Leidensminimierung als ethisches Ziel zu setzen, erweist sich als ebensowenig durchführbar wie die utilitaristische Glücksmaximierung, denn auch menschliches Leid ist nicht berechenbar. Es gibt keine fortlaufende Leidskala, auf der Sozialtechniker konstante Leid-Recheneinheiten eintragen könnten, um eine Rangfolge des menschlichen Leidens zu bestimmen. Hinzu kommt, daß bei manchem menschlichen Leid eine Hilfe von außen nicht möglich ist. Wenn ein Rauschgiftsüchtiger an seiner Sucht leidet, dann kann sein Leid nur vermindert werden, indem der Leidende seinen Drogenkonsum beendet.
Popper geht von Menschen aus, die sich nicht selbst helfen wollen, die bei Schwierigkeiten gleich nach dem Samariter rufen, anstatt zu fragen, was man selbst tun könnte, um dem Übel abzuhelfen. Diese Art von Ethik produziert unselbständige Menschen, die immer mehr von einer Sozialbürokratie abhängig werden. Das sichert zwar die Stellung der Sozialtechniker, untergräbt aber die Mündigkeit der Bürger.
1889 - 1951